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UniA DA, 910

Bestand


Identifikation (kurz)


Titel Titel
Nachlass Johannes Nehring
Laufzeit Laufzeit
1915 - 2006

Bestandsdaten


Bestandsgeschichte Bestandsgeschichte
Der Nachlass des Segelflugpioniers Johannes Nehring (1902-1930) wurde am 21. April 2010 in das Universitätsarchiv der TU Darmstadt übernommen. Nachlassgeberin ist Helga Janetzkowski, Spitz-wegstr. 5, 65195 Wiesbaden, die Ehefrau des kurz zuvor verstorbenen Cousins von Johannes Neh-ring, Dr. Johannes Janetzkowski. Die Übergabe wurde durch einen Schenkungsvertrag rechtlich abgesichert, der dem Universitätsarchiv die Eigentumsrechte übertrug.
Da einige Materialien dem Bestand nach dem Tod von Johannes Nehring durch seine Schwester Edeltrud und seinen Cousin Johannes Janetzkowski beigefügt wurden, handelt es sich um einen angereicherten bzw. erweiterten Nachlass. Hinzugefügt wurden insbesondere Familienfotos sowie Schriftwechselkonvolute, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Nachlassbildner stehen (z.B. betreffend die Erhebung der Nehring-Grabstätte zu einem Ehrengrab).
Der Nachlass besteht in seinem Hauptteil aus Unterlagen zum biographischen Werdegang Johannes Nehrings. Von besonderem historischen, kultur- und kunsthistorischem Wert sind die Urkunden und Pokale, die Nehrings Erfolge im Segelflug dokumentieren. Mehrere Fotoalben und eine große Zahl weiterer Fotos bilden einen bedeutenden Teil des Nachlasses. Hinzu kommen eigene Zeichnungen und Skizzen sowie Nehring-Porträts regional bekannter Künstler (Carl Stolz und Erich Colm-Bialla). Korrespondenzen nehmen nur einen sehr kleinen Teil ein; lediglich eine Weihnachtskarte und drei Briefe Nehrings an seine Mutter sind enthalten.
Geschichte des Bestandsbildners Geschichte des Bestandsbildners
Johannes Nehring zählt zu den Pionieren des frühen Segelflugs. Die Anfänge der Segelflugbewegung in Deutschland wiederum sind sehr eng mit Darmstadt verbunden. Darmstädter Gymnasiasten gründeten im Anschluss an ihren Besuch auf der Internationalen Luftfahrtausstellung ILA in Frankfurt 1909 im selben Jahr die Darmstädter Flugsportvereinigung (FSV), deren Ziel der Bau und die Erprobung von Gleitflugzeugen war. 1911 entdeckten die Schüler die Wasserkuppe in der Rhön als ideales (unbewaldetes) Fluggelände und testeten hier fortan ihre immer wieder verbesserten Fluggeräte. Nach dem Ersten Weltkrieg, der die fliegerischen Bemühungen unterbrochen hatte, fanden sich mehrere Vereinsmitglieder als Studenten an der Technischen Hochschule Darmstadt wieder. Hier wiederum war schon 1913 der erste Lehrstuhl für Luftfahrt in Deutschland gegründet worden (Lehrstuhlinhaber: Carl Eberhardt). Da der Bau und Betrieb von Motorflugzeugen in Deutschland aufgrund des Versailler Vertrages zunächst verboten war, widmeten sich die Darmstädter ebenso wie viele andere flugbegeisterte Deutsche dem Segelflug. 1920 gründeten die Darmstädter Studenten einen Segelflugverein, die Akademische Fliegergruppe, auch Akaflieg genannt. Zeitgleich wurden seit 1920 auf der Wasserkuppe jährlich Rhönsegelflugwettbewerbe durchgeführt, deren Organisator Oskar Ursinus und deren maßgeblicher Finanzier der Frankfurter Kaufmann Karl Kotzenberg waren.
Johannes Nehring, Spitzname „Bubi“ aufgrund seiner knabenhaften Erscheinung, wurde am 18. Au-gust 1902 in Graudenz/Westpreußen geboren. Sein Vater, Bernhard Nehring, war Schulrektor. Nehrings Mutter hieß Martha; er hatte eine Schwester, Edeltrud. 1919 zog seine Familie nach Bad Homburg v. d. H. Nach seinem Abitur am Kaiserin-Friedrich-Gymnasium 1921 absolvierte er 12 Monate lang Praktika in zwei Maschinenfabriken in Bad Homburg und ein 3-monatiges Praktikum bei der „Ak. Fliegergr. Darmstadt“ und erwarb auf diese Weise erste Erfahrungen im Flugzeugbau. Zum Sommersemester 1922 begann er ein Maschinenbaustudium an der Technischen Hochschule in Darmstadt. Das Vordiplom bestand Nehring am 11. Mai 1925 im zweiten Anlauf – im April 1924 war er in Physik und Chemie zunächst durchgefallen und musste diese Prüfungen im folgenden Jahr wiederholen; das Gesamturteil lautete „Bestanden“.
Als Mitglied der Akaflieg erhielt er seine ersten Flugstunden im Segelflug. 1925 absolvierte Nehring beim Küsten-Segelflug-Wettbewerb in Rossitten auf dem Schuldoppelsitzer „Margarethe“ (D 7) der Akaflieg seine C-Segelflugprüfung (die dritte und letzte Stufe der Segelflugausbildung) und gewann auch schon einen Ehrenpreis.
In den folgenden Jahren war Nehring regelmäßig bei den Rhön-Segelflugwettbewerben auf der Was¬serkuppe erfolgreich. 1925 errang er zwei Erste Preise im Langstrecken- und Höhenflug und die „D.L.V.-Medaille für beste Leistung“. 1926 erhielt Nehring beim selben Wettbewerb den erstmals ausgeschriebenen Milseburgpreis und nahm an einer Segelflugexpedition auf die russische Halbinsel Krim teil. 1927 wurde er Gesamtsieger des 8. Rhön-Segelflug-Wettbewerbs. Im August 1928 erflog Nehring auf der Wasserkuppe einen Weitenflugrekord von über 71,2 km (bis Treffurt bei Eisenach). Im Frühjahr 1929 errang er entlang dem Odenwald einen Segelflug-Streckenweltrekord von 72,3 km und einen Höhenrekord von 1.209 m Startüberhöhung. Zum Vergleich: Am 9. Oktober 1925 hatte der von ihm bei einem Segelflug-Wettbewerb auf der Krim aufgestellte Strecken- und Höhenrekord 24,4 km und 435 m betragen.
Nach einer Flugausbildung an der Fliegerakademie des Luftschiffhafens Staaken (Berlin) bestand Nehring am 7. August 1927 die Flugprüfung für den Motorflugzeugführerschein Klasse B Nr. 1334. Nehring wurde Testpilot beim Forschungsinstitut für Segelflug der 1924 gegründeten Rhön-Rossitten-Gesellschaft (RRG). Diese sollte den Segelflug, der durch den wiedererstarkten Motorflug in eine Krise geraten war, bekannter machen und seine wissenschaftliche Erforschung fördern. Das Institut leitete Walter Georgii, seit 1926 Professor für Flugmeteorologie an der TH Darmstadt und ein Pionier der Segelflugforschung.
Am 30. April 1928 war Nehring Hauptakteur einer „Sternstunde des Segelflugs“: Im Auftrag von Georgii testete er mit einem Motorflugzeug GMG (Gebrüder Müller Griesheim) bei abgestelltem Motor die Thermik aufsteigender warmer Luft in Form von Kumuluswolken und entdeckte auf diese Weise die thermischen Aufwinde, die den bis dahin nicht durchführbaren Segelflug in der Ebene ermöglichen.
Nehring hatte offenbar nicht nur ein besonderes fliegerisches Geschick und Verständnis, er zeichnete sich auch durch die Umsetzung seiner wissenschaftlichen Kenntnisse bei seinen Flügen. Außerdem bereitete er seine Flüge akribisch vor, indem er beispielsweise mit seinem Motorrad die geplanten Flugstrecken vorher abfuhr.
Johannes Nehring stürzte am 16.04.1930 während eines Wetterbeobachtungsfluges für die Wetter-flugstelle Darmstadt am Kühkopf/Erfelden mit einer Junkers A 35 D-990 ab und starb. Sein tödlicher Unfall erregte große öffentliche Anteilnahme, die sich u.a. bei der Überführung seiner Leiche durch Darmstadt und bei seiner Beerdigung in Bad Homburg zeigte.
[A. Holtmann-Mares]

Johannes Nehring wurde zahlreich geehrt:
1934 Gedenkstein an der Absturzstelle am Kühkopf/Erfelden
Nehring-Gedächtnis-Preis: Nehring-Büste des Darmstädter Künstlers Adam Antes
1937/38: Nehringstraße in Griesheim (damals Darmstadt)
1977: Nehringweg in Darmstadt
1993: Motorsegler des Sportfliegerclubs Darmstadt e.V. auf „Nehring“ getauft
Nehringstraße in Fulda
Nehringstraße in Bad Homburg v. d. H.
Literatur Literatur
- Diplomprüfungsakte Johannes Nehring: UA Darmstadt 102 Nr. 4867.
- Akademische Fliegergruppe Darmstadt e.V. (Hg.) (1925): Jahresbericht der Akademischen Fliegergruppe Darm-stadt. Unter Mitarbeit von Akademische Fliegergruppe Darmstadt e.V. Darmstadt.
- Eckstein, Ursula: Nehring, Johannes. In: Stadtlexikon Darmstadt. Online verfügbar unter http://www.darmstadt-stadtlexikon.de/n/nehring-johannes.html, zuletzt geprüft am 03.01.2017.
- Georgii, Walter (1930): Die Entwicklung des Segelfluges während der vergangenen 10 Jahre. In: Walter Georgii (Hg.): Vorträge der 1. Internationalen Wissenschaftlichen Segelflugtagung in Darmstadt, 8.-10. März 1930. München, Berlin, S. 6–10.
- Göller, Andreas (2008): Die Anfänge der Luftfahrtforschung an der Technischen Hochschule Darmstadt. In: Andreas Göller und Annegret Holtmann (Hg.): Ein Jahrhundert Luftfahrtgeschichte zwischen Tradition, Forschung und Landschaftspflege. Der August-Euler-Flugplatz in Darmstadt-Griesheim. Darmstadt (WB-Edition Universität mit der Carlo und Karin Giersch-Stiftung der Technischen Universität Darmstadt), S. 179–208.
- Göller, Andreas und Holtmann-Mares, Annegret (2021): Johannes Nehring (1902-1930) - Segelflug im Dienste von Sport, Wissenschaft und Praxis, in: Akademische Fliegergruppe Darmstadt e.V. (Hg.): Wie Ideen fliegen lernen. 100 Jahre Akademische Fliegergruppe Darmstadt, Darmstadt, S. 75-87.
- Nehring, Johannes (1925): Einiges vom Segelflugwettbewerb in der Krim. In: Akademische Fliegergruppe Darmstadt e.V. (Hg.): Jahresbericht der Akademischen Fliegergruppe Darmstadt. Unter Mitarbeit von Akademische Fliegergruppe Darmstadt e.V. Darmstadt, S. 16–18.
- Rhein-Main-News, Bad Vilbel Online:
http://www.bad-vilbel-onli-ne.de/index.cfm?pid=35&event=page.content&id=4631&comment=1, zuletzt geprüft am 15.12.2016.
- Stenger, Martin (2008): Die Akaflieg Darmstadt - 88 Jahre Luftfahrtentwicklung in Darmstadt. Eine chronologische Darstellung. In: Andreas Göller und Annegret Holtmann (Hg.): Ein Jahrhundert Luftfahrtgeschichte zwischen Tradition, Forschung und Landschaftspflege. Der August-Euler-Flugplatz in Darmstadt-Griesheim. Darmstadt (WB-Edition Universität mit der Carlo und Karin Giersch-Stiftung der Technischen Universität Darmstadt), S. 279–316.
- Watzinger, Heinrich (1973): Gedenke des Anfangs. Erinnerungen an die Anfänge der Flugversuche ; Darmstädter Jugend 1909 - 1913. Darmstadt (Darmstädter Schriften, 34).
- Zinnecker, Bruno (o.J.): Der Segelflug. Berlin (Hillgers deutsche Bücherei, 542).
Findmittel Findmittel
Findbuch

Weitere Angaben (Bestand)


Umfang Umfang
78 Verzeichnungseinheiten; ca. 1-1,5 lfm
Bearbeiter Bearbeiter
A. Holtmann-Mares