ST - UvH - 001 - 13
Complete identifier
StadtA SLÜ, ST, ST - UvH - 001 - 13
Case file
Identification
Title
Title
Aufsatz | Ludwig Steinfeld
"Er wurde von beiden Parteien zerrrissen...,"
6 Seiten
"Er wurde von beiden Parteien zerrrissen...,"
6 Seiten
Life span
Life span
ohne Datum
Information / Notes
Additional information
Additional information
"Er wurde von beiden Parteien zerrissen ...,"
Erasmus von Rotterdam und Ulrich von Hutten -
Wie eine Freundschaft zerbrach / Von Ludwig Steinfeld
Freundschaften von Wissenschaftlern und Dichtern, Männerfreundschaften unter Gleichgesinnten, sind so lange dauerhaft, wie sie nicht durch unterschiedliche neue Auffassungen herausgefordert werden. Die Beziehung zwischen den Humanisten Erasmus von Rotterdam und Ulrich von Hutten, zweier durch Herkunft und Temperament so unterschiedlicher Naturen, bei der ein um zwei Jahrzehnte jüngerer einen berühmten älteren bewunderte, der dann aber seinen eigenen Weg ging, mußte zerbrechen, da jeder sich selbst treu blieb und keiner dem anderen folgen konnte.
Ulrich von Hutten war im Frühjahr 1514 aus Italien zurückgekehrt, wo er den Humanismus an den Quellen erlebt hatte. Die Aufnahme bei dem Vater auf Burg Steckelberg im Grenzland zwischen Franken und Hessen wird kaum freundlich gewesen sein, denn der Sohn brachte keinen Doktorhut mit zurück. Stattdessen hatte er eine Folge von 120 Epigrammen in seinem leichten Gepäck, die er lieber verfaßt hatte als juristischen Studien nachzugehen. Aber dem alten Ritter galten die Kurzgeschichten über Kriegsereignisse in Oberitalien wenig.
Der junge Ulrich von Hutten suchte eine Aufgabe, die ihm sein Gönner Eitelwolf vom Stein, Oberhofmeister des Markgrafen Albrecht von Brandenburg und sein Vetter Frowin, Mainzer Rat, verschafften. Nachdem Ende 1514 Albrecht als Erzbischof in Mainz eingezogen war, schrieb Hutten ein Lobgedicht auf ihn.
Erasmus von Hotterdam war im August 1514 auf einer Reise von England nach Basel, wo er bei dem Buchdrucker Johann Froben eine neue Auflage seiner Sammlung antiker Sprichwörter vorbereiten wollte, "weil so schöne Typen in England nicht zu finden sind."
Der damals schon gefeierte Gelehrte, Verfasser und Herausgeber theologischer und philosophischer Schriften, unter denen das "Lob der Torheit" die bekannteste war, machte in Mainz Station, das sich zu einem Zentrum des deutschen Humanismus zu entwickeln begann. Die drei Männer, die ihn dort empfingen, waren Johannes Reuchling, der als erster griechisch und hebräisch an deutschen Universitäten gelehrt hat, der humanistische Wanderlehrer Hermann von dem Busche, und Ulrich von Hutten.
Als Erasmus im folgenden Frühjahr zurückreiste, trafen die drei Humanisten wieder mit ihm zusammen, diesmal in Frankfurt am Main, bei einem sokratischen Gastmahl.
Erasmus von Rotterdam und Ulrich von Hutten -
Wie eine Freundschaft zerbrach / Von Ludwig Steinfeld
Freundschaften von Wissenschaftlern und Dichtern, Männerfreundschaften unter Gleichgesinnten, sind so lange dauerhaft, wie sie nicht durch unterschiedliche neue Auffassungen herausgefordert werden. Die Beziehung zwischen den Humanisten Erasmus von Rotterdam und Ulrich von Hutten, zweier durch Herkunft und Temperament so unterschiedlicher Naturen, bei der ein um zwei Jahrzehnte jüngerer einen berühmten älteren bewunderte, der dann aber seinen eigenen Weg ging, mußte zerbrechen, da jeder sich selbst treu blieb und keiner dem anderen folgen konnte.
Ulrich von Hutten war im Frühjahr 1514 aus Italien zurückgekehrt, wo er den Humanismus an den Quellen erlebt hatte. Die Aufnahme bei dem Vater auf Burg Steckelberg im Grenzland zwischen Franken und Hessen wird kaum freundlich gewesen sein, denn der Sohn brachte keinen Doktorhut mit zurück. Stattdessen hatte er eine Folge von 120 Epigrammen in seinem leichten Gepäck, die er lieber verfaßt hatte als juristischen Studien nachzugehen. Aber dem alten Ritter galten die Kurzgeschichten über Kriegsereignisse in Oberitalien wenig.
Der junge Ulrich von Hutten suchte eine Aufgabe, die ihm sein Gönner Eitelwolf vom Stein, Oberhofmeister des Markgrafen Albrecht von Brandenburg und sein Vetter Frowin, Mainzer Rat, verschafften. Nachdem Ende 1514 Albrecht als Erzbischof in Mainz eingezogen war, schrieb Hutten ein Lobgedicht auf ihn.
Erasmus von Hotterdam war im August 1514 auf einer Reise von England nach Basel, wo er bei dem Buchdrucker Johann Froben eine neue Auflage seiner Sammlung antiker Sprichwörter vorbereiten wollte, "weil so schöne Typen in England nicht zu finden sind."
Der damals schon gefeierte Gelehrte, Verfasser und Herausgeber theologischer und philosophischer Schriften, unter denen das "Lob der Torheit" die bekannteste war, machte in Mainz Station, das sich zu einem Zentrum des deutschen Humanismus zu entwickeln begann. Die drei Männer, die ihn dort empfingen, waren Johannes Reuchling, der als erster griechisch und hebräisch an deutschen Universitäten gelehrt hat, der humanistische Wanderlehrer Hermann von dem Busche, und Ulrich von Hutten.
Als Erasmus im folgenden Frühjahr zurückreiste, trafen die drei Humanisten wieder mit ihm zusammen, diesmal in Frankfurt am Main, bei einem sokratischen Gastmahl.
[Seite] 2
Die Begegnung hatte Hutten [gestrichen - stark] begeistert, und er sprach seine Verehrung in einem Brief aus, als er im Herbst 1515 wieder nach Italien reisen mußte, um die juristischen Studien abzuschließen. Er bedauerte, daß es ihm nicht erlaubt sei, Erasmus wie Alcibiades dem Sokrates anhängen zu können. Wie gern hätte er griechische Bildung bei ihm gelernt, ihn beschützt und ihm gehorcht, ja als ein deutscher Ritter ihm gedient und seine Befehle ausgeführt.
Erasmus zeigte seine Freude über Hutten in den Annotationes zum Neuen Testament von 1516, der ersten Ausgabe des griechischen Urtextes. In diesem epochalen Werk, das die wissenschaftliche Bibelkritik begründete, und das sogleich von Martin Luther benutzt wurde schrieb Erasmus: " In Italien und Frankreich ist die humanistische Bildung groß geworden, in Deutschland aber haben die Fürsten mehr Sinn für den Krieg als für die Künste, trotzdem ist die Nation nicht weniger begabt als die griechische, wie durch Männer wie Sturm, Melanchthon, Amerbach und Glarean bewiesen wird. Doch beinahe hätte ich jenes einzigartige Entzücken der Musen übergangen, Ulrich von Hutten, den schon durch seine Ahnen bedeutenden Jüngling. Ich frage Euch: Wie könnte Attika mehr Witz und Eleganz erzeugen als dieser eine besitzt? Ist nicht die göttliche Schönheit selbst seine Sprache und die lautere Anmut?"
Als Hutten auf der Rückreise aus Italien Venedig besuchte, gab er sich als Schüler und Verehrer des Erasmus zu erkennen und schrieb ihm: "Du weißt nicht, w i e sie Dich schätzen! Mir aber begegneten sie mit einem wundervollen Wohlwollen, weil ich dich kannte, weil ich dich meinen Lehrer nannte." Hutten traf in dem Humanistenkreis der berühmten Druckerfamilie Aldus Manutius mit Baptista Egnatius zusammen, der an Erasmus schrieb: "Ulrich von Hutten hat mich von Dir gegrüßt ... Ich habe ihn zuerst um Deines Namens willen, wie es sich gehörte, aufs freundlichste empfangen. Bald aber vermochte seine Bildung und seine Herzlichkeit so viel, daß er mir durch seine eigene Empfehlung nicht weniger willkommen war als durch die Deine."
Hutten wurde in Venedig empfangen, wie er es noch nicht erlebt hatte. Er erhielt von Egnatius eine Ausgabe des Horaz, "aufs geschmackvollste gedruckt auf feinem Papier". Junge Edelleute, mit denen er zusammentraf, umarmten und küssten ihn und machten ihn in der Stadt bekannt. "Bei allen Göttern, lieber Erasmus, größere Humanitas habe ich nicht noch einmal gefunden auf meiner Wanderschaft, wenn ich den Kreis durchginge."
Fast wäre Hutten von Venedig aus zu einer Pilgerreise ins Heilige Land aufgebrochen, als ihm zwei Vettern dazu aufforderten. Aber sein Freund
Die Begegnung hatte Hutten [gestrichen - stark] begeistert, und er sprach seine Verehrung in einem Brief aus, als er im Herbst 1515 wieder nach Italien reisen mußte, um die juristischen Studien abzuschließen. Er bedauerte, daß es ihm nicht erlaubt sei, Erasmus wie Alcibiades dem Sokrates anhängen zu können. Wie gern hätte er griechische Bildung bei ihm gelernt, ihn beschützt und ihm gehorcht, ja als ein deutscher Ritter ihm gedient und seine Befehle ausgeführt.
Erasmus zeigte seine Freude über Hutten in den Annotationes zum Neuen Testament von 1516, der ersten Ausgabe des griechischen Urtextes. In diesem epochalen Werk, das die wissenschaftliche Bibelkritik begründete, und das sogleich von Martin Luther benutzt wurde schrieb Erasmus: " In Italien und Frankreich ist die humanistische Bildung groß geworden, in Deutschland aber haben die Fürsten mehr Sinn für den Krieg als für die Künste, trotzdem ist die Nation nicht weniger begabt als die griechische, wie durch Männer wie Sturm, Melanchthon, Amerbach und Glarean bewiesen wird. Doch beinahe hätte ich jenes einzigartige Entzücken der Musen übergangen, Ulrich von Hutten, den schon durch seine Ahnen bedeutenden Jüngling. Ich frage Euch: Wie könnte Attika mehr Witz und Eleganz erzeugen als dieser eine besitzt? Ist nicht die göttliche Schönheit selbst seine Sprache und die lautere Anmut?"
Als Hutten auf der Rückreise aus Italien Venedig besuchte, gab er sich als Schüler und Verehrer des Erasmus zu erkennen und schrieb ihm: "Du weißt nicht, w i e sie Dich schätzen! Mir aber begegneten sie mit einem wundervollen Wohlwollen, weil ich dich kannte, weil ich dich meinen Lehrer nannte." Hutten traf in dem Humanistenkreis der berühmten Druckerfamilie Aldus Manutius mit Baptista Egnatius zusammen, der an Erasmus schrieb: "Ulrich von Hutten hat mich von Dir gegrüßt ... Ich habe ihn zuerst um Deines Namens willen, wie es sich gehörte, aufs freundlichste empfangen. Bald aber vermochte seine Bildung und seine Herzlichkeit so viel, daß er mir durch seine eigene Empfehlung nicht weniger willkommen war als durch die Deine."
Hutten wurde in Venedig empfangen, wie er es noch nicht erlebt hatte. Er erhielt von Egnatius eine Ausgabe des Horaz, "aufs geschmackvollste gedruckt auf feinem Papier". Junge Edelleute, mit denen er zusammentraf, umarmten und küssten ihn und machten ihn in der Stadt bekannt. "Bei allen Göttern, lieber Erasmus, größere Humanitas habe ich nicht noch einmal gefunden auf meiner Wanderschaft, wenn ich den Kreis durchginge."
Fast wäre Hutten von Venedig aus zu einer Pilgerreise ins Heilige Land aufgebrochen, als ihm zwei Vettern dazu aufforderten. Aber sein Freund
[Seite] 3
Crotus Rubeanus hielt ihn davon zurück.
In Venedig erreichte Hutten vom Augsburger Humanisten Peutiger die Aufforderung, schnell nach Deutschland zurückzukehren, wo ihn die Dichterkrönung durch Kaiser Maximilian erwartete. Darüber berichtete Hutten Erasmus und brachte aus Italien einen Brief des Egnatius und Ausgaben römischer Klassiker mit.
Auch Huttens Aufenthalt in Paris, wohin er im Auftrag Albrechts von Brandenburg Ende des Jahres reiste, stand unter dem Zeichen des Erasmus, dessen Freund Budaeus ihm schrieb, Hutten sei ein aufgeräumter, witziger und vornehmen Mensch, und er bedauere es, ihn nicht in seinem eigenen Haus gesehen zu haben.
Albrecht von Brandenburg hat mehrmals versucht, Etrasmus an seinen Hof nach Mainz zu holen. Er wollte von ihm auch eine neue Darstellung der vitae sanctorum, eine Neufassung der veralteten Berichte. Aber Erasmus wollte sich nicht binden und auch das Leben der Heiligen nicht schreiben. Für dieses Vorhaben empfahl er Ulrich von Hutten: "Es fehlt ja bei den Deutschen nicht an Männern, die meiner Meinung nach die Kräfte besitzen, Deinen so frommen Wünschen zu genügen. Du hast in Deinem Hause den Hutten, das Entzücken der lateinischen Sprache."
Erasmus widmete Albrecht lieber ein neues Buch und nahm dafür einen Pokal aus vergoldetem Silber an, den ihm Hutten überbringen sollte. Erasmus besaß eine Reihe dieser Goldpokale, Geschenke von Fürstlichkeiten und manchmal mit Goldmünzen gefüllt.
Im Mainz wurde 1518 von Nicolaus Carbach und Wolfgang Angst eine neue Liviusausgabe herausgegeben, die zwei ganzseitigen Widmungen an Albrecht enthielt; die erste von Hutten, die zweite von Erasmus, die ihn als Förderer der Humanisten lobten. Dieser Livius, ein von Johann Schöffer gedruckter Foliant, gilt als der schönste nicht illustrierte Druck des 16. Jahrhunderts.
Wenn Erasmus angegriffen wurde, konnte Hutten die Kritiker grob zurückweisen, so den englischen Theologen und späteren Erzbischof von York, Edward Lee: "Du Dreck, wenn Du Erasmus nicht um Verzeihung bittest, werde ich Deinen Namen wie ein Stück Kot über den Zaun der Nachwelt werfen, damit Menschen Deinen Gestank für immer in Erinnerung behalten!"
Erasmus hatte in seiner Schrift "Querela pacis", der Klage des in allen Ländern verfolgten Friedens, den Krieg geächtet, und er konnte die kriegerischen Handlungen Huttens nicht billigen. Er bedauerte die Teilnahme Huttens an dem Feldzug gegen Ulrich von Württemberg und schrieb: "Soll denn Hutten ganz aus Eisen in der Schlachtreihe kämpfen? Ich sehe klar, daß Du für den Krieg geboren
Crotus Rubeanus hielt ihn davon zurück.
In Venedig erreichte Hutten vom Augsburger Humanisten Peutiger die Aufforderung, schnell nach Deutschland zurückzukehren, wo ihn die Dichterkrönung durch Kaiser Maximilian erwartete. Darüber berichtete Hutten Erasmus und brachte aus Italien einen Brief des Egnatius und Ausgaben römischer Klassiker mit.
Auch Huttens Aufenthalt in Paris, wohin er im Auftrag Albrechts von Brandenburg Ende des Jahres reiste, stand unter dem Zeichen des Erasmus, dessen Freund Budaeus ihm schrieb, Hutten sei ein aufgeräumter, witziger und vornehmen Mensch, und er bedauere es, ihn nicht in seinem eigenen Haus gesehen zu haben.
Albrecht von Brandenburg hat mehrmals versucht, Etrasmus an seinen Hof nach Mainz zu holen. Er wollte von ihm auch eine neue Darstellung der vitae sanctorum, eine Neufassung der veralteten Berichte. Aber Erasmus wollte sich nicht binden und auch das Leben der Heiligen nicht schreiben. Für dieses Vorhaben empfahl er Ulrich von Hutten: "Es fehlt ja bei den Deutschen nicht an Männern, die meiner Meinung nach die Kräfte besitzen, Deinen so frommen Wünschen zu genügen. Du hast in Deinem Hause den Hutten, das Entzücken der lateinischen Sprache."
Erasmus widmete Albrecht lieber ein neues Buch und nahm dafür einen Pokal aus vergoldetem Silber an, den ihm Hutten überbringen sollte. Erasmus besaß eine Reihe dieser Goldpokale, Geschenke von Fürstlichkeiten und manchmal mit Goldmünzen gefüllt.
Im Mainz wurde 1518 von Nicolaus Carbach und Wolfgang Angst eine neue Liviusausgabe herausgegeben, die zwei ganzseitigen Widmungen an Albrecht enthielt; die erste von Hutten, die zweite von Erasmus, die ihn als Förderer der Humanisten lobten. Dieser Livius, ein von Johann Schöffer gedruckter Foliant, gilt als der schönste nicht illustrierte Druck des 16. Jahrhunderts.
Wenn Erasmus angegriffen wurde, konnte Hutten die Kritiker grob zurückweisen, so den englischen Theologen und späteren Erzbischof von York, Edward Lee: "Du Dreck, wenn Du Erasmus nicht um Verzeihung bittest, werde ich Deinen Namen wie ein Stück Kot über den Zaun der Nachwelt werfen, damit Menschen Deinen Gestank für immer in Erinnerung behalten!"
Erasmus hatte in seiner Schrift "Querela pacis", der Klage des in allen Ländern verfolgten Friedens, den Krieg geächtet, und er konnte die kriegerischen Handlungen Huttens nicht billigen. Er bedauerte die Teilnahme Huttens an dem Feldzug gegen Ulrich von Württemberg und schrieb: "Soll denn Hutten ganz aus Eisen in der Schlachtreihe kämpfen? Ich sehe klar, daß Du für den Krieg geboren
[Seite] 4
bist, damit Du nicht nur mit der Feder und der Sprache, sondern auch mit den Waffen des Mars kämpfst . . . Ich liebe den starken Mut, und dennoch, wenn Du auf mich hören willst, so wirst Du den Hutten für die Musen erhalten. Denn woher kommt uns ein solcher Genius, wenn etwas geschehen sollte, was die Götter verhüten mögen. Du weiß, daß Mars unbeständig ist, wie er ja auch von allen Göttern der dümmste ist."
Durch einen Brief über den englischen Politiker und Humanisten Thomas More (Morus), dem Verfasser der "Utopia" (über das beste Staatswesen auf der Insel "Nirgendwo"), zeigte Erasmus, wie sehr er Hutten schätzte, dem er More auch als Vorbild zeigen wollte. In dem langen Text gibt er ein Bild des Thomas More, das zwischen Bewunderung und Distanz die Waage hält. Erasmus und Hutten waren im Sommer 1520 in Brügge mit More zusammengetroffen. Der Drucker Froben hatte ihm Huttens "Aula" (Über das Hofleben) geschickt, und Erasmus schrieb in dem Brief an Hutten: "Deine Vorliebe, ja Dein Vernarrt sein in das Genie Mores, von seinen Schriften entflammt, dem Gelehrtesten und Elegantesten, wie Du richtig schreibst, das man sich denken kann, wird von Vielem geteilt; bei More jedoch beruht sie auf Gegenseitigkeit. den er findet ein solches Vergnügen am Geist Deiner Schriften, daß ich Dich fast beneide."
Der Brief des Erasmus an Hutten ist ein Dokument, das die drei Beteiligten ehrt: More als überragende Gestalt und besten Freunde des Erasmus, diesen als großen Menschenkenner, und Hutten als einen, der würdig befunden wurde, das Charakterbild zu empfangen. Das Auftreten Luther brachte latente Gegensätze zwischen den Freunden an die Oberfläche. Erasmus war für eine milde Reform der Kirche, während er von Luthers Theologie nur wenig anerkennen konnte. Hutten wurde von Luthers religiösem Wollen kaum angesprochen, aber er versuchte ihn für sein Hauptziel, den Kampf gegen die politische Macht des Papsttums, zu gewinnen. Hutten drängte Erasmus zu einer eindeutigen Stellung Luther. Aber Erasmus äußerte sich vorsichtig, vermied jede Festlegung. Gerade nachdem er, auch auf Huttens Rat hin, von der scholasischen Universitätsstadt Löwen in Brabant in das offenere Basel gezogen war, suchte er Ruhe für seine Arbeit. Er taugte nicht zum Märtyer, denn er sah schlimme Entwicklungen kommen. Wenn er einer möglichen Aufforderung des Kaisers gefolgt wäre, gegen Luther zu schreiben, wären seine gelehrten Werke nicht entstanden, meinte er. Wenn er sich geweigert hätte, sei er dem Verderben ausgesetzt worden. Wohin hätte er sich retten sollen? "In die Burg Huttens? Nach Wittenberg? Aber wäre da nicht mein kleines glückliches Schicksal verloren gewesen?"
bist, damit Du nicht nur mit der Feder und der Sprache, sondern auch mit den Waffen des Mars kämpfst . . . Ich liebe den starken Mut, und dennoch, wenn Du auf mich hören willst, so wirst Du den Hutten für die Musen erhalten. Denn woher kommt uns ein solcher Genius, wenn etwas geschehen sollte, was die Götter verhüten mögen. Du weiß, daß Mars unbeständig ist, wie er ja auch von allen Göttern der dümmste ist."
Durch einen Brief über den englischen Politiker und Humanisten Thomas More (Morus), dem Verfasser der "Utopia" (über das beste Staatswesen auf der Insel "Nirgendwo"), zeigte Erasmus, wie sehr er Hutten schätzte, dem er More auch als Vorbild zeigen wollte. In dem langen Text gibt er ein Bild des Thomas More, das zwischen Bewunderung und Distanz die Waage hält. Erasmus und Hutten waren im Sommer 1520 in Brügge mit More zusammengetroffen. Der Drucker Froben hatte ihm Huttens "Aula" (Über das Hofleben) geschickt, und Erasmus schrieb in dem Brief an Hutten: "Deine Vorliebe, ja Dein Vernarrt sein in das Genie Mores, von seinen Schriften entflammt, dem Gelehrtesten und Elegantesten, wie Du richtig schreibst, das man sich denken kann, wird von Vielem geteilt; bei More jedoch beruht sie auf Gegenseitigkeit. den er findet ein solches Vergnügen am Geist Deiner Schriften, daß ich Dich fast beneide."
Der Brief des Erasmus an Hutten ist ein Dokument, das die drei Beteiligten ehrt: More als überragende Gestalt und besten Freunde des Erasmus, diesen als großen Menschenkenner, und Hutten als einen, der würdig befunden wurde, das Charakterbild zu empfangen. Das Auftreten Luther brachte latente Gegensätze zwischen den Freunden an die Oberfläche. Erasmus war für eine milde Reform der Kirche, während er von Luthers Theologie nur wenig anerkennen konnte. Hutten wurde von Luthers religiösem Wollen kaum angesprochen, aber er versuchte ihn für sein Hauptziel, den Kampf gegen die politische Macht des Papsttums, zu gewinnen. Hutten drängte Erasmus zu einer eindeutigen Stellung Luther. Aber Erasmus äußerte sich vorsichtig, vermied jede Festlegung. Gerade nachdem er, auch auf Huttens Rat hin, von der scholasischen Universitätsstadt Löwen in Brabant in das offenere Basel gezogen war, suchte er Ruhe für seine Arbeit. Er taugte nicht zum Märtyer, denn er sah schlimme Entwicklungen kommen. Wenn er einer möglichen Aufforderung des Kaisers gefolgt wäre, gegen Luther zu schreiben, wären seine gelehrten Werke nicht entstanden, meinte er. Wenn er sich geweigert hätte, sei er dem Verderben ausgesetzt worden. Wohin hätte er sich retten sollen? "In die Burg Huttens? Nach Wittenberg? Aber wäre da nicht mein kleines glückliches Schicksal verloren gewesen?"
Seite [5]
Hutten hätte aus den "Dunkelmünnerbriefen" wissen müssen, daß sich Erasmus keine Richtung verschrieben würde: "Ich versuchte zu erfahren, ob Erasmus von Rotterdam bei jener Partei sei. Aber ein gewisser Kaufmann erwiderte mir: 'Erasmus erst homo pro se', "Erasmus ist ein Mensch für sich.
Erasmus wollte unabhängig bleiben. hat nie an einer Universität gelehrt oder ein geistliches Amt innegehabt; sogar den Kardinalshut lehnte er ab. Er konnte sich keiner geistlichen oder weltlichen Macht ausliefern. Er erlebte noch das Schicksal des Thomas More, den König Heinrich VIII., dem er den Eid verweigert hatte, enthaupten ließ. "Mit Mores Tod scheine ich selbst gestorben zu sein; wir hatten nur eine Seele." Als Erasmus das Bürgerrecht von Zürich angeboten wurde, antwortete er, er wolle ein Bürger der ganzen Welt, aber keines einzelnen Ortes sein.
Die politische Situation drängte Hutten zur Entscheidung. Im Sommer schrieb er an Wolfgang Cupido, Domprediger von Mainz und später Kanzler Albrechts: "So fängt doch endlich dieser Brand zu brennen an, und es soll mich nicht wundern, wenn er nicht schließlich durch meinen Untergang gelöscht werden müßte." Erasmus bedauerte die Entwicklung, die Hutten ihm entfremdete: "Je mehr ich das Geniale an Hutten liebte, um so mehr schmerzt es mich, daß er mir durch diesen Tumult entrissen worden ist."
Dem Reichstag von Worms 1521 ist Erasmus ferngeblieben. Er wollte sich nicht in ein undurchdringliches Labyrinth verwickeln und lieber Beobachter bleiben. Hutten schleuderte von der Ebernburg seines Freundes Franz von Sickingen aus seine Invektiven ins Land; Streitschrift auf Streitschrift schrieb er. Nachdem sich bei dem Feldzug Sickingens gegen Trier die Niederlage abzeichnet, mußte Hutten fliehen. Er wandte sich nach Basel, wo er Erasmus treffen wollte. Der befürchtete jedoch, daß Hutten bei ihm ein Unterkommen suche und ließ sich nicht sprechen; er wollte nicht kompromittiert werden. Ein Brief des Erasmus an seinen Freund Laurinius, in dem er die Ablehnung des Besuchs Huttens begründete, gab den Anlaß zu einem Pamphlet Huttens gegen Erasmus.
Hutten warf Erasmus voller Wut und Enttäuschung Unzuverlässigkeit und Kleinmut vor, Feigheit und Schwäche. "Ein großer Verstand, aber kein Charakter." Er konnte sich in die Welt des Erasmus nicht versetzen und verstand dessen Rücksichten nicht. Huttens Schrift ist bis heute für viele die Grundlage der Ablehnung des Erasmus geblieben. Dieser erwiderte in einer noch umfangreicheren Schrift "Spongia" (Schwamm) und fragte darin, weshalb der Erdkreis in Brand geraten solle wegen irgendwelcher Paradoxe.
Hutten hätte aus den "Dunkelmünnerbriefen" wissen müssen, daß sich Erasmus keine Richtung verschrieben würde: "Ich versuchte zu erfahren, ob Erasmus von Rotterdam bei jener Partei sei. Aber ein gewisser Kaufmann erwiderte mir: 'Erasmus erst homo pro se', "Erasmus ist ein Mensch für sich.
Erasmus wollte unabhängig bleiben. hat nie an einer Universität gelehrt oder ein geistliches Amt innegehabt; sogar den Kardinalshut lehnte er ab. Er konnte sich keiner geistlichen oder weltlichen Macht ausliefern. Er erlebte noch das Schicksal des Thomas More, den König Heinrich VIII., dem er den Eid verweigert hatte, enthaupten ließ. "Mit Mores Tod scheine ich selbst gestorben zu sein; wir hatten nur eine Seele." Als Erasmus das Bürgerrecht von Zürich angeboten wurde, antwortete er, er wolle ein Bürger der ganzen Welt, aber keines einzelnen Ortes sein.
Die politische Situation drängte Hutten zur Entscheidung. Im Sommer schrieb er an Wolfgang Cupido, Domprediger von Mainz und später Kanzler Albrechts: "So fängt doch endlich dieser Brand zu brennen an, und es soll mich nicht wundern, wenn er nicht schließlich durch meinen Untergang gelöscht werden müßte." Erasmus bedauerte die Entwicklung, die Hutten ihm entfremdete: "Je mehr ich das Geniale an Hutten liebte, um so mehr schmerzt es mich, daß er mir durch diesen Tumult entrissen worden ist."
Dem Reichstag von Worms 1521 ist Erasmus ferngeblieben. Er wollte sich nicht in ein undurchdringliches Labyrinth verwickeln und lieber Beobachter bleiben. Hutten schleuderte von der Ebernburg seines Freundes Franz von Sickingen aus seine Invektiven ins Land; Streitschrift auf Streitschrift schrieb er. Nachdem sich bei dem Feldzug Sickingens gegen Trier die Niederlage abzeichnet, mußte Hutten fliehen. Er wandte sich nach Basel, wo er Erasmus treffen wollte. Der befürchtete jedoch, daß Hutten bei ihm ein Unterkommen suche und ließ sich nicht sprechen; er wollte nicht kompromittiert werden. Ein Brief des Erasmus an seinen Freund Laurinius, in dem er die Ablehnung des Besuchs Huttens begründete, gab den Anlaß zu einem Pamphlet Huttens gegen Erasmus.
Hutten warf Erasmus voller Wut und Enttäuschung Unzuverlässigkeit und Kleinmut vor, Feigheit und Schwäche. "Ein großer Verstand, aber kein Charakter." Er konnte sich in die Welt des Erasmus nicht versetzen und verstand dessen Rücksichten nicht. Huttens Schrift ist bis heute für viele die Grundlage der Ablehnung des Erasmus geblieben. Dieser erwiderte in einer noch umfangreicheren Schrift "Spongia" (Schwamm) und fragte darin, weshalb der Erdkreis in Brand geraten solle wegen irgendwelcher Paradoxe.
[Seite] 6
Der todkranke Hutten, der in Basel zuerst von den Ratsherren ehrenvoll aufgenommen wurde, mußte die Stadt wieder verlassen und wich nach Zürich aus, dessen Rat von Erasmus vor ihm gewarnt wurde. Er fand Hilfe durch Huldrych Zwingli, den Schweizer Reformator, der ihm auf der Insel Ufenau im Zürchsee eine Bleibe verschaffte, , wo er Ende August 1523 einsam starb.
Zu der literarischen Kontroverse zwischen Hutten und Erasmus schrieb Luther: "Ich wollte, daß Hutten keine Beschwerde geführt, noch viel weniger aber, daß Erasmus sie abgewischt hätte. Wenn das mit dem Schwamm abwischen heißt, was ist dann Schmähen und Lästern?"
Aber Luther wurde selber bald in den Strudel der Auseinandersetzungen gezogen. Nach Huttens Tod hatte Erasmus seine Schrift "De libero arbitrio" (Vom freien Willen) geschrieben. Der Inhalt ging an die Substanz von Luthers Glaubensverständnis und traf ihn tief. In einer Gegenschrift "De servo arbitrio" (Vom verknechteten Willen) vertrat er seine Position, auf die wiederum Erasmus eine Antwort gab. Luther verfolgte darauf Erasmus mit Schmähungen, die schlimmer waren, als jene zwischen Hutten und Erasmus: "Darum gebiete ich Euch auf Gottes Befehl, Ihr wolltet dem Erasmus Feind sein und Euch vor seinen Büchern hüten. Ich will gegen ihn schreiben, sollte er gleich darüber sterben und verderben. Den Satan will ich mit der Feder töten ..." Und als Gipfel bilden Hasses: "Wer Erasmus zerdrückt, der würgt eine Wanze, und diese stinkt tot mehr als lebendig."
Erasmus schrieb: "Luther benahm sich wie ein giftiges Tier." Er hatte die Entwicklung vorausgesehen. Als er Anfang 1524 in einer schwierigen Lebenssituation war, sagte er in dem "Compendium vitae", einem Lebensrückblick, über sich selbst: "Er wurde von beiden Parteien zerrissen, während er beiden helfen wollte."
Nach dem Konzil von Trient wurden 1559 sämtliche Schriften des Erasmus auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, neben denen Luthers und Huttens. In der Verdammung durch die alte Kirche waren sie vereint. Thomas More wurde heiliggesprochen, vierhundert Jahre nach seinem Tode.
Der todkranke Hutten, der in Basel zuerst von den Ratsherren ehrenvoll aufgenommen wurde, mußte die Stadt wieder verlassen und wich nach Zürich aus, dessen Rat von Erasmus vor ihm gewarnt wurde. Er fand Hilfe durch Huldrych Zwingli, den Schweizer Reformator, der ihm auf der Insel Ufenau im Zürchsee eine Bleibe verschaffte, , wo er Ende August 1523 einsam starb.
Zu der literarischen Kontroverse zwischen Hutten und Erasmus schrieb Luther: "Ich wollte, daß Hutten keine Beschwerde geführt, noch viel weniger aber, daß Erasmus sie abgewischt hätte. Wenn das mit dem Schwamm abwischen heißt, was ist dann Schmähen und Lästern?"
Aber Luther wurde selber bald in den Strudel der Auseinandersetzungen gezogen. Nach Huttens Tod hatte Erasmus seine Schrift "De libero arbitrio" (Vom freien Willen) geschrieben. Der Inhalt ging an die Substanz von Luthers Glaubensverständnis und traf ihn tief. In einer Gegenschrift "De servo arbitrio" (Vom verknechteten Willen) vertrat er seine Position, auf die wiederum Erasmus eine Antwort gab. Luther verfolgte darauf Erasmus mit Schmähungen, die schlimmer waren, als jene zwischen Hutten und Erasmus: "Darum gebiete ich Euch auf Gottes Befehl, Ihr wolltet dem Erasmus Feind sein und Euch vor seinen Büchern hüten. Ich will gegen ihn schreiben, sollte er gleich darüber sterben und verderben. Den Satan will ich mit der Feder töten ..." Und als Gipfel bilden Hasses: "Wer Erasmus zerdrückt, der würgt eine Wanze, und diese stinkt tot mehr als lebendig."
Erasmus schrieb: "Luther benahm sich wie ein giftiges Tier." Er hatte die Entwicklung vorausgesehen. Als er Anfang 1524 in einer schwierigen Lebenssituation war, sagte er in dem "Compendium vitae", einem Lebensrückblick, über sich selbst: "Er wurde von beiden Parteien zerrissen, während er beiden helfen wollte."
Nach dem Konzil von Trient wurden 1559 sämtliche Schriften des Erasmus auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, neben denen Luthers und Huttens. In der Verdammung durch die alte Kirche waren sie vereint. Thomas More wurde heiliggesprochen, vierhundert Jahre nach seinem Tode.
Representations
There are no representations.