HStAM Bestand Urk. 56

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Beschreibung

Identifikation (kurz)

Titel

Reichsabtei Hersfeld [ehemals: Urkunden M I]

Laufzeit

775-1743

Siehe

Korrespondierende Archivalien

Urkunden: Urk. 5 Verträge der Landgrafen [ehemals Urk. A I d]; Urk. 13 Generalrepertorium [ehemals Urk. A I t]; Urk. 14 Aktiv- und Passivlehen [ehemals Urk. A I u]; Urk. 57 Hersfelder Nebenklöster [ehemals Urk. M II-VII]; Urk. 67 Hanau, Aktiv- und Passivlehen [ehemals Urk. O I q,r]; Urk. 75 Stift Fulda [ehemals Urkunden R I a];

Akten: Bestand 104 Hersfeld.

Kopiare: K 244 - K 260 (darunter K 244, der sog. Liber de libertatibus locorum Hersfeldensium mit dem Breviarium Sancti Lulli).

Handschriften: H 295.

Hessisches Staatsarchiv Darmstadt: Urkunden Oberhessen (A 3), Aktenbestände D 4, E 1 K Nr. 81/1 (alte Signatur: I, Konv. 1 u 1a), E 5 B 3 Nr. 456/7 (alte Signatur: V B 3, 456, 7), E 1 B Nr. 24/1-6 (alte Signatur: Reichsreligionssachen Nr. 24), Solmsisches Kopialbuch C 1 A Nr. 39 (früher: Hs. 39), Handschriften C 1 A Nr. 184 (früher: Hs. 250) und C 1 C Nr. 21 (früher: Hs. 170).

Weitere Bestände von Urkunden, Akten und Handschriften: Hauptstaatsarchiv Dresden, Universitätsbibliothek Gießen, Forschungs- und Landesbibliothek Gotha, Staatsarchiv Gotha, Landesbibliothek Hannover, Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover, Stadtarchiv Hersfeld, Gesamthochschulbibliothek Kassel, Staatsarchiv Magdeburg, Stadtbibliothek Mainz, Staatsarchiv Meiningen, Staatsarchiv Münster, Archiv des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, Staatsarchiv Rudolstadt [dort auch die Überlieferung der früheren Staatsarchive Sondershausen und Arnstadt], Thüringisches Staatsarchiv Weimar.

Bestandsdaten

Bestandsgeschichte

Das Archiv des Klosters Hersfeld samt seiner Nebenklöster und Propsteien ging nach 1617 mit dem Tode des letzten Verwalters des Klosters, Otto von Hessen, an das Haus Hessen-Kassel über und wurde damit Teil des hessischen Regierungsarchivs. 1872 wurde dieses Regierungsarchiv in das neu gegründete Preußische Staatsarchiv Marburg unter der Leitung von Gustav Könnecke überführt und ging dann an dessen Nachfolger, das Hessische Staatsarchiv Marburg, über, wo die Archivalien geordnet und verzeichnet wurden.
In den Jahren 2007-2016 wurden die einzelnen Überlieferungen vereinzelt und umverpackt, die Siegel wurden mit Siegeltaschen versehen und die Signaturen wurden auf Numerus Currens umgestellt.

Geschichte des Bestandsbildners

Die durch den Mainzer Erzbischof Lullus zwischen 769 und 773 gegründete Reichsabtei erlangte ihre Stellung durch enge und weit reichende Beziehungen zu den deutschen Kaisern und Königen sowie den Päpsten. Ihre Gründung und Ausstattung muss in enger Verknüpfung mit den bonifatianischen Missions- und Gründungsbemühungen in Thüringen und Sachsen gesehen werden und damit auch in enger Verbindung zur Entwicklung der Reichsabtei Fulda. Durch die Überführung der Gebeine des Hl. Wigbert wurde Hersfeld darüber hinaus zu einem bedeutenden Wallfahrtsort. Immer wieder erneuerte Privilegien und die reiche Ausstattung mit Grundbesitz bildeten die Basis für die bis ans Ende des Hochmittelalters anhaltende einflussreiche Rolle der Reichsabtei Hersfeld in der deutschen Geschichte, wenngleich diese Abtei freilich nie eine gleichartige Bedeutung wie Fulda erlangen konnte. 996 konnte Hersfeld durch die gezielte Förderung Kaiser Ottos I. die päpstliche Immunität erlangen. In ottonischer und salischer Zeit war die Reichsabtei zudem ein bedeutender Pfalzort. 1015 unterstellte Kaiser Heinrich II. das von Kaiser Otto II. gestiftete Kloster Memleben der Abtei Hersfeld.
Kleinräumiger orientiert als Fulda, erlangte Hersfeld insbesondere im mitteldeutschen Raum während des Früh- und Hochmittelalters eine regional weit reichende Ausstrahlung in Nordhessen, Thüringen und im südlichen Niedersachsen. Von der Bedeutung dieser dichten Besitzkomplexe zeugen neben der Urkundenüberlieferung u.a. das Breviarium Sancti Lulli und das Hersfelder Zehntverzeichnis. Insbesondere in spätottonischer und salischer Zeit war Hersfeld als eines der wichtigsten Reichsklöster anzusprechen; ausgestattet mit einem glänzenden Skriptorium und einer angesehenen Klosterschule war es daneben eines der Zentren der hochmittelalterlichen Annalistik, ausgezeichnet durch seinen bedeutendsten Vertreter, Lampert von Hersfeld. Güterschenkungen und Zustiftungen erfolgten von Seiten zahlreicher hessischer und thüringischer Adelsfamilien, die häufig auch in enger Verbindung mit der Reichsabtei Fulda standen. Daneben fand eine gezielte Erwerbspolitik des Klosters statt, wobei sich Hersfeld seines ausgeprägten Propsteisystems bediente; Nebenklöster in Hersfeld waren Johannesberg und Petersberg, Propsteien fanden sich in Blankenheim, Creuzberg, Frauensee, Göllingen und Vacha.
Die Äbte Siegfried und Ludwig I. von Hersfeld hatten zu den engsten Gefolgsleuten der staufischen Kaiser Friedrich I., Heinrich VI. und Friedrich II. gehört. Mit dem Ende der Stauferdynastie, setzte auch der schleichende Niedergang der Abtei ein, zunächst vor allem im Ringen um die Erhaltung klösterlicher Besitzrechte gegen ein immer selbstbewusster werdendes Bürgertum der Stadt Hersfeld sowie den erstarkenden umliegenden Niederadel. Im erfolglosen Sternerkrieg hessischer Grafen und Ritter gegen die Landgrafen von Hessen stellte sich Hersfeld auf die Seite der Verlierer. Durch Erbschutzverträge der Landgrafen von Hessen, die mit dem Kloster 1383 und 1490 geschlossen wurden, sowie deren Versuche, das Kloster ihrer Herrschaft unterzuordnen, verlor die Abtei weitere Souveränitätsrechte. Die Abhängigkeit des Klosters von den Landgrafen wurde durch den 1526 geschlossenen Vertrag, der zur Bezahlung die Kriegskosten, die dem Landgrafen bei der Rückeroberung von Stadt und Kloster Hersfeld entstanden waren, und der u. a. die Verpfändung der Hälfte der Stadt Hersfeld nach sich zog, noch vergrößert. Die seit dem Spätmittelalter angespannte wirtschaftliche Situation des Klosters, die mit dem Bau des bei Hersfeld gelegenen Schlosses Eichhof durch Abt Ludwig II. von Mansbach als Residenz einsetzte, ist durch viele Verpfändungsurkunden dokumentiert. Bald nach der Reformation bestimmten dann landgräfliche Administratoren und Koadjutoren die Geschicke des Klosters; ein Großteil der Konventualen war schließlich zum protestantischen Glauben übergetreten. Mit der Ablösung des letzten Abts des Klosters, Joachim Röll, durch den Koadjutor Otto von Hessen, des ältesten Sohns Landgraf Moritz' von Hessen, hatten die hessischen Landgrafen endgültig auch die personale Kontrolle über das Kloster erlangt; Besitz und Titel der Fürstabtei gingen schließlich endgültig nach dem Tod Ottos 1617 an das Haus Hessen-Kassel über.

Enthält

Der ehemalige Bestand M I (heute: Urk. 56) enthält die Hauptmasse der Privilegien und der sich auf das Territorium beziehenden Urkunden der Reichsabtei Hersfeld mit Ausnahme der sich in separierten Beständen befindlichen Urkunden der Nebenklöster (ehemals Bestände M II-VII, heute Urk. 57). Es handelt sich aufgrund des Alters und der Überlieferungsdichte um einen der wichtigsten Bestände eines ehemaligen Reichsklosters im deutschsprachigen Raum; besonders von der Frühzeit bis zum Hochmittelalter ist der Überlieferungszustand exzellent. Der Bestand umfasst insgesamt 2432 Einzelstücke, so sind im Bereich der Kaiser-, Königs- und Papsturkunden neben vielen frühen, für die Mediävistik bedeutsamen Stücken - besonders aus karolingischer, ottonischer und frühsalischer Zeit, darunter auch Privaturkunden - zahlreiche Privilegienbestätigungen für das Kloster aus dem 13. bis 16. Jahrhundert überliefert. Der von König Konrad III. an das Kloster geschenkte Weinzehnt samt ausgedehnter Besitzungen in Ingelheim am Rhein fand in der Überlieferung des Klosters lang anhaltenden Nachhall. Neben solchen Privilegien wurden dem Kloster Hersfeld daneben durch Kardinallegaten und verschiedene Mainzer Erzbischöfe auch zahlreiche Ablässe gewährt, darunter illuminierte Exemplare. Aus hilfswissenschaftlicher Perspektive besonders herausragend sind die knapp 80 im Urkundenfonds überlieferten Notariatsinstrumente mit gezeichneten Signeten des 13. bis zu gestempelten Signeten des 16. Jahrhunderts. Rund 380 Lehnsurkunden erlauben umfangreiche Rückschlüsse auf die Entwicklung des Hersfelder Lehnswesens im nordhessischen und thüringischen Raum. Einen Blick auf die inneren Verhältnisse des Klosters bieten Visitationsanordnungen des 13. oder Mönchsgelübde des 15. Jahrhunderts. Daneben finden sich Schenkungen für das Kloster, Testamente, Pfründ- und Altarstiftungen sowie Pfründverleihungen, vor allem von dem Kloster Hersfeld gehörenden Pfarrkirchen.
Der erschlossene Bestand bietet die Möglichkeit, in landes- und verfassungsgeschichtlicher Perspektive die Entstehung und die Entwicklung der Landstände, vor allem repräsentiert durch zahlreiche Adelsfamilien und -gruppen, nachvollziehen zu können, wie auch in späterer Zeit den personalen und territorialen Ausgriff der hessischen Landgrafen in Richtung des Klosters Hersfeld. Daneben lassen sich zahlreiche weitere Fragestellungen der Mediävistik und Frühneuzeitforschung verfolgen, etwa zu Ersterwähnungen von Orten, nach der Besitz- und Gütergeschichte des Klosters, dem Ausbau Hersfelds zur fürstäbtlichen Residenz, dem Aufbau des klösterlichen Propsteisystems, der Entwicklung des klösterlichen Lehnswesens, der Funktionsgeschichte und dem Funktionswandel eines der wichtigsten Klöster im alten Reich, daneben zahlreichen weiteren alltags-, rechts- und wirtschaftsgeschichtlichen Anfragen.
In Kombination mit der Überlieferung der Reichsabtei Fulda ergeben sich zudem zahllose diplomatische Untersuchungsmöglichkeiten, etwa zur Entwicklung der Papstbullen oder der Kaiserurkunden, auf die nun um viele Stücke vermehrt in komfortabler Weise und hoher Abbildungsqualität zugegriffen werden. Dadurch werden nun z.B. vergleichende Studien hinsichtlich Paläographie, Kanzleitraditionen und Sphragistik möglich.

Literatur

(in Auswahl):

Heinrich Butte, Stift und Stadt Hersfeld im 14. Jahrhundert. Mit einem Anhang: Die Stadt Hersfeld bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts, Marburg 1911 [Diss. Phil., Univ. Marburg, 1910].

Louis Demme, Nachrichten und Urkunden zur Chronik von Hersfeld, 3 Bände, Bad Hersfeld 1891-1900.

Thomas Franke (Hrsg.), Breviarium sancti Lulli. Ein Hersfelder Güterverzeichnis aus dem 9. Jahrhundert. Faksimileausgabe. Selbstverlag Landkreis Hersfeld-Rothenburg,, Bad Hersfeld 1986 (Faksimile und Transkription).

Germania Benedictina VII: Die benediktinischen Mönchs- und Nonnenklöster in Hessen. In Verbindung mit Regina Elisabeth Schwerdtfeger bearb. von Friedhelm Jürgensmeier und Franziskus Büll OSB, München 2004 (Germania Benedictina Bd. VII), S. 589-634.

Philipp Hafner, Die Reichsabtei Hersfeld bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, 2. Auflage, Hersfeld 1936.

Karl Heinemeyer, Hersfeld im frühen Mittelalter. In: Zeitschrift für Hessische Geschichte 96 (1991), S. 17-33.

Alfred Herbst, Ein Hersfelder Zinsenverzeichnis des 14. Jahrhunderts, Marburg 1913 [Diss. phil., Univ. Marburg 1912].

Hessisches Klosterbuch. Quellenkunde zur Geschichte der im Regierungsbezirk Kassel, im Kreis Grafschaft Schaumburg, in der Provinz Oberhessen und dem Kreis Biedenkopf gegründeten Stifter, Klöster und Niederlassungen von geistlichen Genossenschaften, hg. von Wilhelm Dersch, 2., ergänzte Auflage, Marburg 1940 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen Bd. 12).

Josef Hörle, Breviarium sancti Lulli - Gestalt und Gehalt. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 12 (1960), S. 18-52.

Kurt-Ulrich Jäschke, Ein Hersfelder Stadtbuch aus dem Jahre 1431 als Quelle zur Geschichte von Stift und Stadt Hersfeld im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, in: Archiv für Diplomatik 13 (1967), S. 313-459.

Georg Landau, Breviarium Sancti Lulli archiepiscopi, In: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 10 (1865), S. 184-192.

Tilman Struve, Lampert von Hersfeld, Teil A, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. XIX, Marburg 1969, S. 1-124.

Hans Weirich: Urkundenbuch der Reichsabtei Hersfeld 1. Mit Verwertung der Vorarbeiten Karl Hörgers (+) (VHKH 19,1), Marburg 1936 [enthält die Urkunden bis 1100] - Dersch, Hessisches Klosterbuch, S. 74-81.

Jörg Witzel, Hersfeld 1525 bis 1756. Wirtschafts-, Sozial- und Verfassungsgeschichte einer mittleren Territorialstadt, Marburg 1994 (Untersuchungen und Materialien zur Verfassungs- und Landesgeschichte 14).

Elisabeth Ziegler, Das Territorium der Reichsabtei Hersfeld von seinen Anfängen bis 1821, Marburg 1939.

Elisabeth Ziegler, Mit Mitra und Krummstab. Die Äbte des Reichsklosters (der Reichsabtei) Hersfeld, in: Bad Hersfelder Jahresheft 16 (1970), S. 6-22.

Eine ausführliche Literaturliste finden Sie hier.

Findmittel

Arcinsys-Datenbank (2011 bis 2013 vollständig neu verzeichnet). Die Erschließung beinhaltet Regesten, die digital recherchierbar sind und Abbildungen der Urkunden und Siegel bieten.

Orts- und Personenindex zu den neu verzeichneten Urkunden:
Repertorien des Hessischen Staatsarchivs Marburg. Urkunden 56 - Reichsabtei Hersfeld, Stiftisches Archiv. Orts- und Personenindex, bearb. und hrsg. von Uwe Braumann, mit einer Vorbemerkung von Francesco Roberg, Marburg 2014 (Signatur: R 1781).

Repertorium Reichsabtei Hersfeld, Stiftisches Archiv, angelegt Ende des 18. Jh., überarbeitet um 1890, handschriftlich, 8 Bände (Signatur: R 1771-1780).
Chronologisches Register zu den Repertorien Reichsabtei Hersfeld, Stiftisches Archiv, Bände 1-4, angelegt Anfang 21. Jh., handschriftlich, 1 Heft (Signatur: R 1770).

Weitere Angaben (Bestand)

Umfang

2434 Urkunden

Filmkopien

Die Urkunden sind als Mikrofiches verfügbar.

Benutzung

Die Urkunden sind als Digitalisate in Arcinsys verfügbar.

Informationen / Notizen

Zusatzinformationen

Die Grundsätze der Regestierung finden Sie hier.

Eine Liste der Äbte des Klosters Hersfeld finden Sie hier.