HHStAW Bestand 1236

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Beschreibung

Identifikation (kurz)

Titel

Friedrich Sperl

Laufzeit

1950-1972

Bestandsdaten

Bestandsgeschichte

Der Nachlass Friedrich Sperls wurde im Juni 1988 von Lydia Sperl nach Korrespondenz und einer Sichtung des Bestandes durch Dr. Volker Eichler an das Hauptstaatsarchiv abgegeben. Die Verzeichnung erfolgte im Oktober/November 1999 durch die Archivreferendarin Elke Ursel Hammer. Der Bestand umfaßte 5,5 lfm. Schriftgut, das überwiegend in ca. 50 Stehordnern und Heftern untergebracht war. Nachlasstypisch war das Schriftgut grob sachthematisch gegliedert. Den größten Anteil stellen Unterlagen Sperls für Sitzungen, vornehmlich des zeitweise von ihm geleiteten Geld-, Kredit- und Währungsausschusses des BDI dar. Als besonders umfangreich stellten sich hierbei die von Sperl zur Sitzungsvorbereitung jeweils angelegten Materialsammlungen heterogenen Inhalts heraus. Das vorgefundene Ordnungsprinzip wurde soweit möglich beibehalten, so dass sich auch die streng sitzungsbezogene Korrespondenz Sperls weiterhin in diesem Zusammenhang findet. Einzelne Sammelordner mußten jedoch aufgelöst werden. Nach der Verzeichnung umfaßt der Bestand 1236 (Nachlass Sperl) 4 lfm. Der Nachlass umfasst von seltenen kopial überlieferten Stücken abgesehen, lediglich Dokumente für den Zeitraum nach 1945. Ältere Akten aus den bzw. über die 1930er Jahre, die Sperl in den 1980er Jahren noch als existent bezeichnete, wurden bedauerlicherweise nicht an das Hauptstaatsarchiv abgegeben.

Geschichte des Bestandsbildners

Dr. med. h. c. Friedrich Sperl; Lebensdaten 1897-1985.
Sperl wurde am 7. Januar 1897 in Bromberg als Sohn des Regierungsassesors (später Geheimen Oberregierungsrats) Friedrich Sperl und seiner Frau Maria geb. Wendland geboren. Von 1914 bis 1918 nahm er am Ersten Weltkrieg teil, zuletzt als Oberleutnant; 1919 erlebte er als Freiwilliger im Grenzschutz Ost die Kämpfe um Rawitsch/Lissa. Im Anschluss an das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten in Berlin, Rostock, Kiel und Münster trat er 1925 als Regierungsassessor im Preußischen Landwirtschaftsministerium in den öffentlichen Dienst ein. Als Regierungs- und Oberregierungsrat im Preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe war Sperl ab 1927 Referent für Sparkassen und öffentlich-rechtliche Kreditinstitute sowie zweiter Staatskommissar bei der Berliner Börse. In die Zeit seiner Tätigkeit fielen Reorganisierungs- und Sanierungsmaßnahmen bei verschiedenen Sparkassen und Girozentralen sowie die Eheschließung mit Elisabeth Sofia Lydia von Falz-Fein (1930). 1933 wurde Sperl, der niemals Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Organisationen war, Ministerialrat im Reichswirtschaftsministerium, leitete das Bankenreferat und setzte seine Tätigkeit - nun als Reichskommissar - bei der Berliner Börse fort. Nach politischen Auseinandersetzungen um den wachsenden Einfluß der NSDAP auf öffentlich-rechtliche Kreditinstitute und einer gegen ihn erstatteten Anzeige wegen staats- und parteifeindlichen Umtrieben schied Sperl im Jahr 1937 unter Verzicht auf seine Pensionsansprüche aus dem Beamtenverhältnis. Aufgrund seiner guten Beziehungen zum Bankensektor wurde Sperl im folgenden Jahr Vorstandsmitglied der Rheinisch-Westfälischen Bodenkreditbank (Köln). Zu Beginn des zweiten Weltkriegs war Sperl als Oberleutnant und Hauptmann am Westwall eingesetzt, kehrte jedoch aufgrund einer Dienstverpflichtung durch den Reichskommissar für die Behandlung feindlichen Vermögens nach Berlin zurück und übernahm das Referat Industriebeteiligungen. Auch hier führte Sperls Widerstand gegen nationalsozialistische Einflußnahme zur Entlassung im Jahr 1941. Im Herbst des gleichen Jahres trat Sperl als Kommanditist und Geschäftsführer in die Firma Telefonbau und Normalzeit Lehner & Co. (TuN) ein, die aufgrund einer Devisen- und Steuerstrafe im Zusammenhang mit der Emigration jüdischer Miteigentümer vor dem Konkurs stand. Den Vorsitz im Beirat (= Aufsichtsrat) der TuN übernahm im Jahr 1943 der Mitgesellschafter Carl Goerdeler, zu dem Sperl bereits seit den 1930er Jahren - während Goerdelers Tätigkeit als Reichskommissar für die Preisüberwachung - berufliche Kontakte unterhalten hatte. Die Gespräche mit Goerdeler gingen nach Sperls eigenen Angaben über das rein Geschäftliche hinaus; wichtige Telefonate zur Vorbereitung des Attentats vom 20. Juli 1944 wurden von Sperl vermittelt oder geführt. Zudem war er in Planungen für die Phase nach einem geglückten Umsturz als Staatssrekretär im Reichswirtschaftsministerium vorgesehen. Die Mitwisserschaft um den ersten Aufenthaltsort des nach dem Attentat zunächst flüchtigen Goerdeler führte zur Verhaftung Sperls am 3. August 1944. Die Vorwürfe lauteten neben Hoch- und Landesverrat auch auf Wehrsabotage und bezogen sich auf Sperls Verhalten als Geschäftsführer der TuN. Bis Anfang April 1945 wurde Sperl in Berlin-Moabit (Gefängnis Lehrter Straße) sowie den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen gefangen gehalten; förmliche Anklage wurde nicht erhoben. Mit der Auflage, nicht mehr zu TuN zurückzukehren und sich der kämpfenden Truppe zur Verfügung zu stellen, entließ das RSHA Sperl am B. April 1945 aus der Haft, für die er 1951 entschädigt wurde (518/5764). Ab September 1945 suchte Sperl von der Firmenzentrale in Frankfurt am Main aus den Wiederaufbau der kriegszerstörten und in verschiedenen Besatzungszonen gelegenen Betriebe der TuN zu organisieren und die Frage der Rückerstattung an die ehemaligen jüdischen Miteigentümer zu regeln. Die Spruchkammer erklärte Sperl am 22. Juli 1947 als nicht betroffen. Neben dem Wiederaufbau der TuN, deren Entwicklung Friedrich Sperl von Herbst 1941 bis Anfang 1966 als geschäftsführender Gesellschafter bzw. Generaldirektor bestimmte, engagierte er sich bei der Gründung bzw. Wiedererrichtung von Verbänden der Elektroindustrie. So war er 1946 im Vorstand der Wirtschaftsvereinigung Elektroindustrie Hessen, wurde zum ersten Vorstandsvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Elektroindustrie nach deren Gründung 1947 gewählt und übernahm das Amt des Präsidenten des Beirats im Zentralverband der elektrotechnischen Industrie, dessen Wiedererrichtung in der Bizone 1948/49 maßgeblich auf Sperls Engagement bei dem zugrunde liegenden Zusammenschluß von Arbeitsgemeinschaft Elektroindustrie, den Landesverbänden Bayern, Hessen und Baden-Württemberg, der Wirtschaftsvereinigung Elektroindustrie und der Fachgemeinschaften zurückging. Große Aufmerksamkeit widmete Sperl darüber hinaus seiner Tätigkeit in verschiedenen Ausschüssen des BDI, so dem Ausschuss für Internationale Beziehungen und dem Investitionsausschuß, vor allem aber seiner Vorstandseigenschaft im Geld-, Kredit- und Währungsausschuß; hier befaßte Sperl sich wiederholt mit der Organisation von Tagungen zu Fragen der Börsenreform. Auch die Gründung der Industriekreditbank, deren stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender Sperl im Anschluß wurde, war auf Sperls Interesse an der Kreditbeschaffung und Kapitalausstattung der deutsche Wirtschaft zurückzuführen; aus gleicher Motivation wirkte er an der Errichtung der Kreditanstalt für Wiederaufbau mit, in deren Verwaltungsrat Sperl mehrere Jahre saß. Sperls zahlreiche Funktionen in Aufsichtsgremien der Wirtschaft konzentrierten sich auf den Bankenbereich. So war er Vertreter der Industrie im Verwaltungsrat der Kreditanstalt für Wiederaufbau (1948-1952), gehörte dem Aufsichtsrat der Rhein-Main-Bank an sowie der vom Bundesinnenminister geleiteten Sachverständigenkommission für die Vereinfachung der Verwaltung (1957), war stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Industriekreditbank Sperl wirkte federführend bei der Gründung des Instituts für Kapitalmarktforschung an der Universität Frankfurt am Main mit und hatte dem Vorsitz im Kuratorium des Instituts inne. Seine Kontakte zur Frankfurter Universität waren vor allem durch seine Eigenschaft als Vorstandsmitglied und zeitweiser Vorsitzender der Vereinigung von Freunden und Förderern der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main - und damit verbunden auch den Vorsitz im Stiftungsrat der Paul-Ehrlich-Stiftung - eng. Die Universität verlieh ihm die Senatoren- und die Ehrendoktorwürde. Aus Mitteln, die Mitglieder der Vereinigung auf Anregung Sperls spendeten, wurde ein jährlich verliehener Friedrich-Sperl-Preis für den wissenschaftlichen Nachwuchs gestiftet. Auch außerhalb industrieller Zusammenhange war Sperl in Gremien aktiv; so war er Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Hilfswerk 20. Juli, Vorstandsmitglied der deutschen Sektion der Internationalen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie und Kuratoriumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kulturmorphologie. 1957 erhielt er anläßlich seines 60. Geburstags auf Antrag des Zentralverbands der elektrotechnischen Industrie das Große Bundesverdienstkreuz [650/33203], der Stern zum Großen Bundesverdienstkreuz wurde ihm 1967 verliehen; den von der Firma Telefonbau und Normalzeit gestellten Antrag unterstützte u. a. Bundespostminister Richard Stücklen [650/32115].

Enthält

Schriftgut aus Sperls Tätigkeit für Wirtschaftsverbände, v.a. zum Kapitalmarkt, Kredit- und Währungsfragen, Börsenangelegenheiten; daneben Unterlagen zum Komplex 20. Juli, Förderverein Universität Frankfurt a. M.
Den Schwerpunkt des Bestandes bilden meist recht unpersönliche Unterlagen, Rundschreiben, Geschäftsberichte, Tagungsprotokolle, vorbereitende themenbezogene Korrespondenz und Materialsammlungen zu Ausschusssitzungen der 1950er und 60er Jahre, vornehmlich des BDI und des ZVEI sowie Sitzungsunterlagen der Vereinigung von Freunden und Förderern der Universität Frankfurt am Main. Der Anteil der privaten Korrespondenz ist gering und besteht überwiegend aus Glückwunschschreiben bzw. Danksagungen für erhaltene Glückwünsche. Als bemerkenswertes Zeugnis der unmittelbaren Nachkriegsjahre verdient der überlieferte Briefwechsel Sperls mit Anneliese Goerdeler, der Witwe des hingerichteten Widerstandskämpfers, aus den Jahren 1945 bis 1950 Beachtung. Nicht eigentlich Nachlass Friedrich Sperls, aber eine glückliche Ergänzung seiner biographischen Dokumente, ist die ebenfalls abgegebene romanartige Autobiographie von Lydia Sperl, die den Zeitraum von 1914 bis 1937 sowie 1944 bis 1969 umfasst und interessante Einblicke in Lebensgeschichte und Alltagswelt einer gesellschaftlich anerkannten Familie in Industriepolitik und Industrie zwischen Weimarer Republik und Adenauerzeit gewährt: Bde. 1, 3-13 (1914-1969).

Findmittel

Online-Datenbank (Arcinsys)

Weitere Angaben (Bestand)

Umfang

ca. 4 lfm (227 Nummern)

Bearbeiter

Elke Ursel Hammer, 1999

Benutzung

Nutzung nach dem Hessischen Archivgesetz