HHStAW Bestand 1069

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Beschreibung

Identifikation (kurz)

Titel

Karl Kleist

Laufzeit

1901-1966

Siehe

Korrespondierende Archivalien

Im Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt a. M. befinden sich ergänzende Bestände (unter dem Bestandsnamen 'Nervenklinik' die Krankengeschichten von Patienten von ca. 1880 bis 1920 und unter dem Bestandsnamen 'Stadtgesundheitsamt' Unterlagen von 1917-1955 z.B. zur Jugendsichtungsstelle sowie Erbgesundheitsakten).

Die Akten der Medizinischen Fakultät der Goethe-Universität in Frankfurt a. M. befinden sich im Senckenbergischen Institut für Geschichte der Medizin.

Ein weiterer Teilnachlass des späteren Leiters der Nervenklinik Jürg Zutt befindet sich im Universitätsarchiv Frankfurt a. M. (1 Karton, 1946-1967).

Bestandsdaten

Bestandsgeschichte

Der Bestand umfasst 13 laufende Meter, die in einer Ablieferung im Sommer 2005 vom Universitätsklinikum Frankfurt (Neurologie) übernommen wurden. Der Zugang wurde vorsortiert, konervatorisch behandelt (gesäubert, entmetallisiert und umgebettet) und dann verzeichnet.

Geschichte des Bestandsbildners

Prof. Dr. Karl Kleist (1879-1960) war Assistenzarzt bei Carl Wernicke in Halle und erhielt eine weitere neuropathologische Ausbildung am Edinger-Institut in Frankfurt a. M. und bei Alois Alzheimer in der Klinik von Emil Kraepelin in München. Seit 1915 war er Leiter der Nervenabteilung des Kriegslazarettes Lyceum der Kriegslazarettabteilung 1 des IV. pr. A.K. in Douai. Seine zweijährige neurochirurgische Tätigkeit im Feldlazarett war die Erfahrungsgrundlage seines Hauptwerkes 'Gehirnpathologie'. 1916 wurde er an die Universität Rostock berufen und dort gleichzeitig Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Gehlsheim. Seit 1917 war Kleist außerdem 'Fachärztlicher Beirat für Nervenkrankheiten und Psychiatrie bei IX. Armeekorps'. 1920 wurde er Ordinarius für Psychiatrie, 1923 für Neurologie an der Universität Frankfurt a. M. und Direktor der 'Heilanstalt für Epileptische und Irre', der späteren Städtischen und Universitätsklinik für Gemüts- und Nervenkranke in Frankfurt am Main, deren Direktor er bis 1950 war. Nach der Emeritierung leitete er bis zu seinem Tod 1960 die Frankfurter Forschungsstelle für Gehirnpathologie und Psychopathologie.
In seiner Zeit in Frankfurt a. M. erfüllte Kleist verschiedene zusätzliche Funktionen. Seit 1921 war er Dezernent des neu eingerichteten 'Dezernat H' (Psychopathenfürsorge bzw. Fürsorgestelle für Gemüts- und Nervenkranke) im Stadtgesundheitsamt Frankfurt. Diese Tätigkeit endete 1925, als das mittlerweile in 'Dezernat D' umbenannte Dezernat aufgelöst und auf die Dezernate E (Fürsorgestelle) und das Referat C (Jugendsichtungsstelle) aufgeteilt wurde. Nach 1933 arbeitete Kleist auch als Gutachter für Erbgesundheitsgerichte. Von 1936 bis 1941 war er zudem Mitglied im Kuratorium der Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung (Schmuhl, S. 30 ff.). Mit Kriegsbeginn 1939 wurde Kleist als Oberstabsarzt eingezogen und arbeitete als 'beratender Psychiater im Wehrkreis IV' und Chefarzt des Reservelazaretts X. Sein Stellvertreter als Direktor der Klinik war von 1939 bis 1945 Dr. Karl Leonhard (1904-1988). 1942 wurde das in den Räumen der Nervenklinik eingerichtete Reservelazarett X aufgelöst. 1945 wurde Kleist als Direktor der Klinik kurzzeitig entlassen, die Direktorenstelle übernahm zunächst weiterhin Leonhard (vgl. 1069/42).
Die historischen Wurzeln klinischer psychiatrischer Einrichtungen in Frankfurt a. M. reichen bis in die frühe Neuzeit zurück. Aus zwei Vorgängereinrichtungen wurde 1834 eine Anstalt für Epileptische und Irre gebildet. Wegen zahlreicher Mängel und vor allem wegen des Raummangels in den alten Gebäuden beschloss die Stadt Frankfurt a. M. 1853 einen Neubau. Am 23. Mai 1864 wurde die neue Anstalt für Irre und Epileptische, finanziert durch Spenden und städtische Gelder, auf dem sogenannten 'Affensteiner Feld' fertiggestellt. Erster Direktor wurde der heute noch als Autor des 'Struwwelpeter' bekannte Arzt Heinrich Hoffmann (1809-1894), der schon an der Planung der neuen Klinik beteiligt gewesen war. Seit 1888 leitete Emil Sioli (1852-1922) die neue Anstalt und modernisierte sie entsprechend dem aktuellen Wissensstand in der Psychiatrie. Im Zuge der Gründung der Frankfurter Universität als Stiftung der Frankfurter Bürger im Jahr 1914 gelangte die Klinik zu den Universitätseinrichtungen. Nach Siolis Emeritierung übernahm Kleist die Leitung der Klinik. Nach seinen Konzepten entstand in den Jahren von 1927 bis 1930 unter den Architekten Mai und Elsässer ein Neubau im Bauhaus-Stil, diesmal in der Nähe der übrigen Universitätskliniken in Niederrad: das heutige Zentrum der Psychiatrie in der Heinrich-Hoffmann-Straße (vgl. die Modellansicht und Grundrisszeichnung in 1069/252). Die Anstalt auf dem Affensteiner Feld wurde 1930 abgerissen, die neue Klinik wurde schließlich in 'Städtische und Universitätsklinik für Gemüts- und Nervenkranke' umbenannt (vgl. 1069/11). Die neue Klinik erlaubte die Aufnahme von etwa 250 Patientinnen und Patienten. Aufgrund eines älteren Vertrags zwischen der Stadt und dem Bezirksverband Nassau über die Übernahme von Kranken in die städtische Klinik beteiligte sich der Bezirksverband neben der Stadt an den Baukosten. Die Klinik gliederte sich in fünf jeweils nach Frauen und Männern getrennte Abteilungen: '1. eine offene Nervenabteilung, 2. eine Wachabteilung für Hirnkranke (Gelähmte, Versteifte, Apraktische u.ä.), 3. eine Wachabteilung für Gemütskranke, vornehmlich für Melancholische und andere ruhige Geisteskranke, 4. eine Wachabteilung für Erregbare, Unausgeglichene, sonst aber geordnete 'Halbruhige', d.h. hauptsächlich für Psychopathen, (...) 5. eine Wachabteilung für unruhige Geisteskranke. Als 6. kam dazu die für Knaben und Mädchen gemeinsame Kinderabteilung' (Kleist). Die Männerabteilungen waren im Ostflügel, die Frauenabteilungen im Westflügel untergebracht. Zentrale Einrichtungen wie die Aufnahme, Labore, Unterrichts-, Verwaltungs- und Wirtschaftsräume sowie die Poliklinik befanden sich im mittleren Baukörper. Kleists Nachfolger wurde Jürg Zutt (1893-1987) bis 1962. Zutt hatte zuvor bei Bonhoeffer an der Berliner Charite gearbeitet, war Direktor der privaten Kuranstalten Westend in Berlin (1937-1946) und anschließend Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Würzburg (vgl. Zutts Lebenslauf in 1069/252). 1967 übernahm das Land Hessen von der Stadt Frankfurt die Trägerschaft der Universitätskliniken.

Enthält

Der Schwerpunkt der Akten liegt auf Kleists Zeit in Frankfurt. Aus den früheren Stationen seines beruflichen Lebensweges haben sich hier nur einzelne Akten erhalten, vornehmlich Fallsammlungen, die Kleist wahrscheinlich wegen ihrer weiteren wissenschaftlichen Verwertung mit nach Frankfurt genommen hatte. Mit Sicherheit gilt das für die Fallsammlungen aus seiner Zeit im Feldlazarett (1069/4 und 1069/5), die eine Grundlage seines wissenschaftlichen Hauptwerkes bildeten. Die Akten aus der Frankfurter Zeit geben Aufschluss über Kleists Tätigkeit in der Verwaltung der Nervenklinik und über seine wissenschaftliche Arbeit. Insbesondere ist die Planung der neuen Klinik gut dokumentiert. Akten über das Reservelazarett X sind nur in geringem Umfang erhalten, Kleists Tätigkeit als Beratender Psychiater im Wehrkreis IX hat hingegen einen größeren Niederschlag gefunden. Die Akten, die sich mit erbbiologischen Fragen und der Zwangssterilisierung von (vermeintlich) Erbkranken beschäftigen, wurden zu einem eigenen Gliederungspunkt zusammengefasst. Kleists Gutachten in Prozessen vor Erbgesundheitsgerichten finden sich hingegen vor allem in der Serie 'Gutachten von Prof. Kleist mit zugehörigem Schriftwechsel (nach Namensalphabet)' (1069/164-170, 172-192) vermischt mit Gutachten in anderen Fragen.
Der Bestand 1069 enthält außerdem Akten fremder Provenienz. Jürg Zutt war als Nachfolger Kleists von 1950 bis 1962 Direktor der Nervenklinik Frankfurt a. M. Sein Teilnachlass enthält kaum Unterlagen zur Verwaltung der Klinik, sondern dokumentiert vor allem seine wissenschaftliche Tätigkeit zum Teil bereits in den Würzburger Jahren (eine Serie privater Korrespondenz, Unterlagen zu seiner Tätigkeit als Herausgeber der Fachzeitschrift 'Der Nervenarzt'). Dr. Hahn arbeitete schon in der Zeit des ersten Weltkrieges an der damals noch von Sioli geleiteten Frankfurter Nervenklinik. Seine Gutachten über Soldaten im Ersten Weltkrieg stammen aus seiner Zeit beim Frankfurter Reservelazarett IV. Auf welchem Weg die anatomischen Untersuchungen des Neuropathologen Max Bielschowsky (Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft für Hirnforschung in Berlin) in den Nachlass Kleist gelangten, konnte nicht ermittelt werden. Das gleiche gilt für die Gutachten über Hirnverletzte aus dem Ersten Weltkrieg, die von Kurt Goldstein und Hans Cohn erstellt wurden. Goldstein war zur Entstehungszeit dieser Unterlagen noch Leiter des Neurologischen Instituts in Frankfurt a. M., möglicherweise ergibt sich hier oder über Hans Cohn eine Verbindung zu Kleist.

Literatur

Braum, Dagmar, Vom Tollhaus zum Kastenhospital. Ein Beitrag zur Geschichte der Psychiatrie in Frankfurt a. M., Hildesheim 1986.

Kaendler, Stephen, Volk, Stephan, Sachunsky, Irina und Pflug, Burkhardt, Karl Kleist und die Frankfurter Nervenklinik während des Nationalsozialismus, in: Hessisches Ärzteblatt, 54 Jg. (1993), Nr. 4, S. 141-144.

Kleist, Karl, Gehirnpathologie. Vornehmlich auf Grund der Kriegserfahrungen. Leipzig 1934.

Kleist, Karl, Brain and Psyche. Journal of Nervous and Mental Diseases, 116 (1952), S. 776-782.

Kreft, Gerald, '...weil man es in Deutschland einfach verschwiegen hat...' Kurt Goldstein (1878-1965). Begründer der Neuropsychologie in Frankfurt am Main. Forschung Frankfurt, Sonderband zur Geschichte der Universität, Frankfurt a. M. 2000, S. 166-177.

Kreft, Gerald, Zwischen Goldstein und Kleist: Zum Verhältnis von Neurologie und Psychiatrie in Frankfurt am Main der 1920er Jahre, in: Gerhard Nissen und Frank Bandura (Hrsg.), Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde, Band 3 (1997), S. 131-144.

Pfeiffer, J., 100 Jahre deutsche Neuropathologie, in: Der Pathologe 18 (1997), S. 21-32.

Schmuhl, Hans-Walter, Hirnforschung und Krankenmord. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung 1937-1945, in: Ergebnisse. Vorabdrucke aus dem Forschungsprogramm 'Die Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus', hg. v. Carola Sachse, Berlin 2000.

Findmittel

Online-Datenbank (Arcinsys)

Weitere Angaben (Bestand)

Umfang

13 m (288 Nummern)

Bearbeiter

Sigrid Schieber, Herbst 2005

Benutzung

Nutzung nach dem Hessischen Archivgesetz