StadtA GI Fonds 1/2

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Description: Fonds

Identification (short)

Title 

Urkunden

Life span 

ca. 1285 - 1669

Fonds data

Custodial history 

Der Bestand gliedert sich in eine organisch gewachsene Kernüberlieferung der Stadt Gießen und in später erworbene Urkunden insbesondere geistlicher und weltlicher Körperschaften. Von den erstgenannten Urkunden beziehen sich viele auf das Verhältnis der Stadt Gießen zu den Landgrafen von Hessen. Soweit sie auch in deren Kanzlei gefertigt wurden, handelt es sich um Herrscherurkunden. Im ältesten Stück aus dieser Teilüberlieferung etwa gewährt Landgraf Otto (um 1272-1328; regierend seit 1308) den Bürgern der „Neustadt“ 1325 dieselben Rechte wie den Bürgern innerhalb der Stadtmauern (Sig. 1/2 Nr. 29). Die übrigen Urkunden sowohl der Kernüberlieferung als auch der Zuerwerbe sind mehrheitlich Privaturkunden, ausgestellt u. a. von der Stadt Gießen oder dem Augustiner-Chorherrenstift auf dem Schiffenberg. Die großen zeitlichen Lücken innerhalb des Bestandes erklären sich u. a. durch Verluste aufgrund schwerer Brände im 15. und 16. Jahrhundert.

Schon in den 1860er Jahren erstellte Hofgerichtsrat Dr. Friedrich Kraft (1807-1874) drei handgeschriebene Urkundenbücher der Stadt Gießen, die noch immer erhalten sind (Sig. N 1907a). Darin fanden neben den Urkunden des Stadtarchivs freilich auch solche mit Gießen-Bezügen aus anderen Archiven Berücksichtigung. Infolge der Kriegswirren und Zerstörungen von 1944 galten die Bände lange als verschollen, bis sie im Zuge von Ordnungsarbeiten zu Anfang der 1960er Jahre wiederentdeckt wurden.

Dr. Karl Ebel (1868-1933), Kustos an der Universitätsbibliothek und langjähriger Leiter des Stadtarchivs, erwarb für das Archiv mehrere Urkunden. 1903 etwa vermittelte er, neben weiteren Archivalien, die Übergabe zweier Zunftbriefe an die Stadt Gießen (Sig. 1/2 Nr. 6 und 7). Beide stammen aus dem Jahr 1627 und bestätigen seitens Landgraf Georg II. von Hessen-Darmstadt (1605-1661, regierend seit 1626) die einerseits den Schreinern, Bendern, Glasern und Drehern und andererseits den Goldschmieden, Schlossern, Hufschmieden, Messerschmieden, Sattlern, Kupferschmieden und Kannengießern gewährten Rechte und Privilegien.

Die weitgehende Zerstörung Gießens im Zweiten Weltkrieg (v. a. durch die britischen Luftangriffe vom Dezember 1944) führte trotz Evakuierung von Archivbeständen zu empfindlichen Verlusten. Angesichts dessen machte man 1953 auf dem Trümmergrundstück des ehemaligen Kaufmännischen Vereinshauses (Ecke Nordanlage/Steinstraße) beim Steinbrechen einen besonderen Fund: Unter dem Schutt lag eine mit Pergamenturkunden und anderen Archivalien gefüllte Urkundentruhe des Stadtarchivs. Diese war Ende 1944 in das Ausweichgebäude des Vereinshauses gebracht und infolge des Luftangriffs am 6. Dezember im dortigen Treppenhaus unter Trümmern begraben worden. Als man die Truhe neun Jahre später öffnete, schienen zehn von 36 Urkunden vollkommen vernichtet, auch die enthaltenen Gerichtsbücher und Ratsprotokolle größtenteils zerstört. Durch Restaurierungsarbeiten von 1965 bis 1969 konnte ein Großteil der Archivalien jedoch wieder benutzbar gemacht werden.

Unter den Archivalien des Bestandes befinden sich auch die über Jahrhunderte auf dem Neuhof bei Leihgestern aufbewahrten „Schiffenberger Urkunden“. Diese waren im 19. Jahrhundert noch bekannt und wurden zum Teil sogar ediert, später galten sie aber als verschollen. 2001 erwarb sie die Stadt Gießen aus Privathand, wodurch sie in den Besitz des Stadtarchivs gelangten. Bei der ältesten dieser Urkunden handelt es sich um die Urschrift einer Fälschung. Sie ist auf das Jahr 1235 datiert, wurde aber wohl zum Ende des 13. Jahrhunderts im Stift Schiffenberg angefertigt. Darin entscheidet (angeblich) Graf Wilhelm von Tübingen (gestorben vor 1256), Stadtherr zu Gießen, den bei Gründung des Neuhofs bei Leihgestern entstandenen Streit um bestimmte Nutzungsrechte zwischen dem Stift Schiffenberg und der Gemeinde Leihgestern zu Gunsten der Augustiner-Chorherren.

History of creator 

Gießen von den Anfängen bis ca. 1670

Bestandsbildnerin ist die Stadt Gießen, deren Geschichte seit der Gründung in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts vom spannungsreichen Verhältnis zwischen dem eigenen Anspruch auf kommunale Selbstverwaltung und dem Einfluss und Zugriff der jeweiligen Landesherrschaft geprägt war. Zur Zeit der urkundlichen Ersterwähnung als Stadt 1248 war der Pfalzgraf von Tübingen Stadtherr, seit 1265 die Landgrafen von Hessen.

Im Spätmittelalter wuchs Gießen: So erhielten 1325 die Bürger der "Neustadt" die gleichen Rechte wie die Bürger innerhalb der Stadtmauer, und für 1495 wird von einer Einwohnerschaft von 1.200 bis 1.500 Menschen ausgegangen. Die Stadt war aber auch diversen Belastungen ausgesetzt, u. a. Kriegen, Bränden und Seuchen. Hinzu kamen die finanziellen Forderungen der Landgrafen, die die Stadt im 14. Jahrhundert zeitweise auch ganz oder anteilig an andere Herrschaften verpfändeten. Zugewinne an Autonomie (um 1370 traten Bürgermeister und Rat der Stadt gleichberechtigt neben die landgräflichen Burgmannen) nahm der Landesherr in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück. In diese Richtung zielte um 1430 etwa die Abschaffung des Rates in seiner überkommenen Form und die (Wieder-)Einführung des Verwaltungsorgans der "Vier von der Gemeinde". Positiv schlug indes 1442 die Verleihung zweier jeweils achttägiger Jahrmärkte durch Landgraf Ludwig II. zu Buche. Um 1450 wurde das Rathaus am Marktplatz errichtet (1944 im Bombenkrieg zerstört). Eine bedeutende räumliche Ausdehnung erfuhr Gießen mit dem Erwerb von Teilen des Hangelsteins 1498 sowie des Waldes "Stelzenmorgen" (seit dem 19. Jahrhundert: Stolzenmorgen) 1502.

Nach der territorialen Konsolidierung der Landgrafschaft baute der in das Lager der Reformation gewechselte Landgraf Philipp von Hessen Gießen um 1530 zur Festung aus. Dieselbe wurde auf Befehl des Kaisers 1547 teils abgetragen, zu Beginn der 1560er Jahre aber wieder instand gesetzt. Erschüttert wurde die Stadt unterdessen v. a. von einer Pestepidemie (1529) und einem großen Brand (1560), auf den die heutige Ortsbezeichnung "Brandplatz" zurückgeht. Nach Philipps Tod fiel die Stadt im Zuge der Teilung Hessens 1567 an Hessen-Marburg und 1604 an die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt.

Einen Einschnitt in der Stadtgeschichte bildet die Gründung der Universität im Jahre 1607 durch Landgraf Ludwig V. Als lutherisches Gegengewicht zur reformierten Universität Marburg konzipiert und 1624 bis 1650 aufgrund des Verlaufs des Dreißigjährigen Krieges bzw. des Konflikts zwischen Darmstadt und Kassel um das Erbe der Landgrafschaft Hessen-Marburg zugunsten von Marburg aufgegeben, hatte es der Universitätsstandort Gießen Ende des 17. Jahrhundert noch schwer, sich zu behaupten. Unterdessen blieb der Stadt in dem langen Krieg zwar die Eroberung erspart - Elend und Krankheit herrschten dennoch (1634/35 wütete abermals die Pest). So zählte Gießen um 1650 noch ca. 2.400 Einwohner, während es um 1580 bereits 2.800 gewesen waren. Der Landgraf baute Festung und Garnison weiter aus, aber die Stadt erholte sich nur langsam von der Krise und den Verlusten.

Ergänzende Informationen zur Stadtgeschichte Gießens (nach 1675) sind den Detailseiten zu den Beständen 1/1 L-Akten und 2 N-Akten zu entnehmen.

Literature 

Karl Ebel: Mitteilungen aus dem Archiv der Stadt Gießen, in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins NF 7 (1898), S. 99-115.

Erwin Knauß: Geschichte und Funktion des Stadtarchivs Gießen, in: Ders.: Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes. Aufsätze und Reden von Erwin Knauß, Gießen 1987, S. 73-110.

Reinhard Kaufmann (Red.): Ausstellung „Schiffenberger Urkunden“. Die älteren Schiffenberger Urkunden von „1235“ und 1307. Übersetzung der Urkundentexte von Prof. Dr. Hans Heinrich Kaminsky, in: Heimatvereinigung Schiffenberg e. V. (Hrsg.): Festschrift aus Anlass des 75-jährigen Jubiläums der Heimatvereinigung Schiffenberg Gießen e.V., Gießen 2004, S. 147-153.

Kaminsky, Hans Heinrich: Leihgestern im frühen und hohen Mittelalter, in: Hans Joachim Häuser (Hrsg.): 1200 Jahre Leihgestern. 805-2005, Gießen 2005, S. 26-56.

Finding aids 

Online-Datenbank Arcinsys (aktuellster Stand)

Further information (fonds)

Extent 

63 Urkunden