StadtA GI Fonds 1/1

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Description: Fonds

Identification (short)

Title 

L-Akten

Life span 

ca. 1430 - 1956

Fonds data

History of creator 

Gießen von den Anfängen bis ca. 1920

Bestandsbildnerin ist die Stadt Gießen, deren Geschichte seit der Gründung in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts vom spannungsreichen Verhältnis zwischen dem eigenen Anspruch auf kommunale Selbstverwaltung und dem Einfluss und Zugriff der jeweiligen Landesherrschaft geprägt war. Zur Zeit der urkundlichen Ersterwähnung als Stadt 1248 war der Pfalzgraf von Tübingen Stadtherr, seit 1265 waren es die Landgrafen von Hessen.

Im Spätmittelalter wuchs Gießen: So erhielten 1325 die Bürger der "Neustadt" die gleichen Rechte wie die Bürger innerhalb der Stadtmauer, und für 1495 wird von einer Einwohnerschaft von 1.200 bis 1.500 Menschen ausgegangen. Die Stadt war aber auch diversen Belastungen ausgesetzt, u. a. Kriegen, Bränden und Seuchen. Hinzu kamen die finanziellen Forderungen der Landgrafen, die die Stadt im 14. Jahrhundert zeitweise auch ganz oder anteilig an andere Herrschaften verpfändeten. Zugewinne an Autonomie (um 1370 traten Bürgermeister und Rat der Stadt gleichberechtigt neben die landgräflichen Burgmannen) nahm der Landesherr in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück. In diese Richtung zielte um 1430 etwa die Abschaffung des Rates in seiner überkommenen Form und die (Wieder-)Einführung des Verwaltungsorgans der "Vier von der Gemeinde". Positiv schlug indes 1442 die Verleihung zweier jeweils achttägiger Jahrmärkte durch Landgraf Ludwig II. zu Buche. Um 1450 wurde das Rathaus am Marktplatz errichtet (1944 im Bombenkrieg zerstört). Eine bedeutende räumliche Ausdehnung erfuhr Gießen mit dem Erwerb von Teilen des Hangelsteins 1498 sowie des Waldes "Stelzenmorgen" (seit dem 19. Jahrhundert: Stolzenmorgen) 1502.

Nach der territorialen Konsolidierung der Landgrafschaft baute der in das Lager der Reformation gewechselte Landgraf Philipp von Hessen Gießen um 1530 zur Festung aus. Dieselbe wurde auf Befehl des Kaisers 1547 teils abgetragen, zu Beginn der 1560er Jahre aber wieder instand gesetzt. Erschüttert wurde die Stadt indessen v. a. von einer Pestepidemie (1529) und einem großen Brand (1560), auf den die heutige Ortsbezeichnung "Brandplatz" zurückgeht. Nach Philipps Tod fiel sie im Zuge der Teilung Hessens 1567 an Hessen-Marburg und 1604 an die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt.

Einen Einschnitt in der Stadtgeschichte bildet die Gründung der Universität im Jahre 1607 durch Landgraf Ludwig V. Als lutherisches Gegengewicht zur reformierten Universität Marburg konzipiert und 1624 bis 1650 aufgrund des Verlaufs des Dreißigjährigen Krieges bzw. des Konflikts zwischen Darmstadt und Kassel um das Erbe der Landgrafschaft Hessen-Marburg zugunsten von Marburg aufgegeben, entwickelte sich der Universitätsstandort Gießen im 18. Jahrhundert kleinschrittig. Aufgrund des Wirkens des Chemikers Justus Liebig (1824 bis 1852 Professor in Gießen) erlangte die "Ludoviciana" weltweit Beachtung. Von der Bedeutung der 1945 darniederliegenden, 1957 als Justus-Liebig-Universität neu errichteten Körperschaft für Gießen zeugt dessen heutige Selbstbezeichnung als Universitätsstadt.

Im Dreißigjährigen Krieg blieb der Stadt eine Eroberung erspart - Elend und Krankheit herrschten dennoch (1634/35 wütete abermals die Pest). Zur Jahrhundertmitte zählte Gießen noch ca. 2.400 Einwohner, während es um 1580 bereits etwa 2.800 gewesen waren. Der Landgraf baute Festung und Garnison weiter aus, aber die Stadt erholte sich nur langsam von der Krise und geriet anfangs des 18. Jahrhunderts in finanzielle Nöte, wozu auch Misswirtschaft und Unregelmäßigkeiten in der Verwaltung beitrugen. Ein ausführliches landgräfliches "Reglement" sollte Abhilfe schaffen, indem es die Handlungsspielräume der Kommune ab 1722/23 stark einschränkte. Die Jahrzehnte bis zum Ende des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" waren in Gießen einerseits von Ansätzen der Aufklärung der bürgerlichen Gesellschaft geprägt ("Giesser Wochenblatt" erscheint ab 1750), andererseits von den Bedrängnissen des Siebenjährigen Krieges und der sog. "Revolutionskriege". So wurde die Stadt/Festung 1796-1799 zeitweise von französischen Truppen besetzt und einmal auch durch österreichische beschossen.

Mit der Schleifung der Festungswerke (1805-1810) setzte eine Phase ein, in der die Stadt über alte Grenzen hinauswuchs und ein Profil als Industriestandort, Verkehrsknotenpunkt und Zentrum der Verwaltung entwickelte. In diesem Zuge erfolgten nicht zuletzt die Erschließung von Seltersberg und Universitätsviertel, die Ansiedlung der Tabakindustrie (beginnend mit Gründung der Gail'schen Tabakfabrik 1812) und der Abbau von Erzen in der Grube Fernie, der Anschluss an die Main-Weser-Bahn (1849/52) und andere Eisenbahnstrecken sowie die Etablierung der Kreisverwaltung und der Provinzialregierung Oberhessen 1821. Im gleichen Jahr betrug die Einwohnerzahl 5.500.

Wie andere Städte erlebte Gießen 1848 revolutionäre Unruhen und bis zum Ende des Kaiserreichs 1918/19 eine Blüte der bürgerlichen Gesellschaft. Dazu trug maßgeblich auch die Städteordnung von 1874 bei, mit der die Regierung des Großherzogtums Hessen (1806-1918) den Kommunen weit größere (finanzielle) Handlungsspielräume eröffnete. In Gießen nahm sich die Selbstverwaltung zentraler Infrastrukturprojekte wie der Versorgung mit Trinkwasser, Gas und Elektrizität und der Einrichtung eines neuen Friedhofs, einer Kanalisation sowie des öffentlichen Personennahverkehrs (1909: Ablösung der Pferdeomnibusse durch die elektrische Straßenbahn) an. Darüber hinaus fanden auch aus der Gesellschaft kommende Initiativen Unterstützung in der Stadtpolitik und -verwaltung, so dass etwa 1898 das Volksbad und 1907 das Stadttheater eröffnet werden konnten. Für diese Zeit gilt auch, dass Jüdinnen und Juden in bisher ungekannter Weise am öffentlichen Leben partizipierten und in die Stadtgesellschaft integriert waren. Beide Gemeinden, die liberale und die orthodoxe, verfügten je über eine repräsentative Synagoge und ein vielfältiges Vereinsleben. Die Gesamtzahl ihrer Mitglieder belief sich auf über 1.000; die Stadt Gießen selbst hatte damals (1906) 30.000 Einwohner.

Als 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, hatte sich Gießen nach einigen Jahrzehnten ohne Garnison (1821-1867) bereits wieder als Militärstandort etabliert: Zunächst hatten Truppen das Zeughaus bezogen, danach die neu errichtete Bergkaserne. Während die hier stationierten Soldaten an der Front standen, wurden Franzosen, Briten u. a. als Kriegsgefangene in einem Lager auf dem Trieb eingesperrt. 1918/19 endeten Krieg, Kaiserreich und Großherzogtum Hessen; Gießen gehörte im nun repräsentativ-demokratisch verfassten Deutschen Reich der Weimarer Republik zum Volksstaat Hessen.

Ergänzende Informationen zur Stadtgeschichte Gießens (nach 1920) sind der Detailseite zum Bestand 2 N-Akten zu entnehmen.

Literature 

Erwin Knauß: Die Geschichte unserer Stadt in Jahreszahlen und Stichworten, Gießen, o. J.

Erwin Knauß: Geschichte und Funktion des Stadtarchivs Gießen, in: Ders.: Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes. Aufsätze und Reden von Erwin Knauß, Gießen 1987, S. 73-110, hier v. a.: S. 93.

Eva-Marie Felschow: Wirtschafts-, Sozial und Verfassungsgeschichte vom Spätmittelalter bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts, in: Ludwig Brake und Heinrich Brinkmann (Hrsg.): 800 Jahre Gießener Geschichte. 1197-1997. Hrsg. im Auftrag des Magistrats der Universitätsstadt Gießen, Gießen 1997, S. 24-64.

Finding aids 

Online-Datenbank Arcinsys (aktuellster Stand)

Repertorium (um 1970) von Dr. Günther Rath, Obermedizinalrat i. R., gemäß Registraturplan für die Großherzoglich-Hessischen Bürgermeistereien von 1908